Archiv Seite 2

Archivmedley 2 – Mensch und Natur im Sommer

1. 14.06.2010 – „Porca putana!“ erstes Gegentor – Italien-Paraguay mit Mitbewohnern und Freunden (0.00-0.21)

2. 14.01.2010 – Der kleine Trommler – Stazione Piazza Spagna (0.15-1.20)

3. 14.04.2010 – Wasser plätschert aus den Nasoni (0.26-0.36)

4. 21.04.2010 – „Donne, è arrivato l‘arrotino“ (0.35-1.07)

5. 16.06.2010 – „Break mit Vogel als Dj – Terme di Caracalla (0.48-0.57)

6. 19.04.2010 – Regen in Rom – Innenhof Porta Furba (1.00-1.20)

7. 03.06.2010 – Fledermäuse nachts am Pantheon (1.18-1.36)

Nachruf auf ein sterbendes Land

Wir sitzen in der Küche unserer WG in Rom. Auf dem Computer läuft die letzte Partie der Fussballweltmeisterschaft dieses Abends, meine Mitbewohnerin und ihr Freund essen Fleischspieße. Er schenkt mir ein Glas Wein ein. Wir stoßen nicht an. Bringen steinmundig Worte ins Rollen, über die Mannschaften, die kommenden Spiele, als müssten wir alle versuchen gegen eine Stille zu arbeiten, die durch die geöffneten Balkontüren mit dem Abend hereinströmt und den Raum füllt. Wir sprechen über Fußball, ohne etwas zu sagen, wissen, dass sie gerade aus Kalabrien kommen, aber eigentlich noch dort , am Bett seiner Mutter sind. Die Stiefelspitze des Landes, bekannt für seine Strände, den guten Fisch und die Ernten, die weltweit exportiert werden. Der noch landwirtschaftlich dominierte Zipfel, der dem industriellen Norden seit langem ein Dorn im Auge ist, der zu aller erst genannt wird, wenn Bossi und seine verbitterten Kammeraden der erstarkenden Lega Nord über „sonnen-gebräunte, müßige, arbeitscheue Menschen im Mezzogiorno“ wettern, „die auf dem Rücken Padaniens ihr süßes Leben fristen, wo andere Urlaub machen“.

Wir scherzen über den Kommentator, der wie ein aufgekratzter Vogel über die letzten Minuten des unspektakulären Hin und Her auf dem veregneten Grün zetert. Wundern uns über die Zuschauer in Mänteln mit Mützen und Handschuhen, während wir in Shorts und mit freiem Oberkörper, jede überflüssige Bewegung vermeidend, das Eis-Wasser aus dem Gefrierfach nehmen und es um den Platz neben tiefgefrorener, kalbresischer salsiccia beneiden. Es wird abgepfiffen. Der Freund meiner Mitbewohnerin will mir nachschenken, ich halte die Hand über das Glas. Fülle es mit Wasser. Mein Kopf summt ein wenig nachdem ich das vorherige in drei Zügen hinunterstürzte. Nein, nein danke, ich muss noch einwenig studieren. Habe es fast geschafft, denke ich dabei. Kurz verweilen und den Tisch verlassen. Habe noch drei Prüfungen. Noch viel zu tun. Und ich hänge durch die Tür tretend eine italienische Floskel an: „Adesso ci vuole coraggio.“ „Jetzt braucht man Mut.“ „Ci vuole coraggio.“ wiederholt er und wir sagen uns gute Nacht.

Kalabrien der Rockzipfel Europas, wo in den 80er und 90er Jahren der gesamte Kontinent seinen Atommüll in die Hände der Mafia gab, die diesen dann im Meer versenkte oder an Flüssen in der trockenen Erde begruben. Seit 10 Jahren sterben entlang der Küstenlinie die Menschen leise und schleichend aus. Die Krebsrate ist nach einer letzten statistischen Erhebung von Allgemeinmedizinern unter ihren Patienten 4mal höher als im restlichen Land. Es sterben Kinder, Jugendliche, alte Menschen. Jeder aus dem Bekannten und Verwandtenkreis meiner Mitbewohnerinnen hat mindestens ein Familienmitglied verloren. Im September und Oktober des vergangenen Jahres fiel ein Blitzlicht auf die Region, als man den Aussagen eines geständigen Mafiamitgliedes (Fonti) nachgehend vor der Küste in 500 Meter Tiefe die Cunsky mit 120 Giftfässern gefunden zu haben glaubte. Eine anschließende Erklärung der Regierung lieferte dann jedoch die Antwort, über der sich die unruhige See der Medienlandschaft schnell wieder glättete. So handele es sich vielmehr um das 1906 gesunkene Passagierschiff Catania. Für Staat und internationale Presse schien damit der Fall Kalabrien erledigt und es breitete sich Schweigen über die mindestens 30 weiteren Giftmülldeponien im Meer und an Land. Von Staatsseite gab es nicht nur keine weiteren Versuche, den Skandal aufzuarbeiten, aus wirtschaftlichem Interesse zum Schutze der Region suchte man vielmehr scheinbar Hand in Hand mit der Mafia die Untersuchungen von Journalisten und Wissenschaftlern zu unterbinden.

02.00 Uhr nachts wird das Handy des Freundes meiner Mitbewohnerin klingeln. Sein älterer Bruder wird ihm verzweifelt bitten zurückzukehren, da seine Mutter im Sterben liegt. Ihre Schreie wird er im Hintergrund durch das Telefon hören. Um 04.00 Uhr tritt er die fünfstündige Autofahrt mit einer Freundin der Mutter aus Rom an. Seine Mutter wird eine Stunde vor seiner Ankunft sterben. Er findet seinen stummen Vater auf einem Stuhl neben seiner Frau sitzend vor, ihr Gesicht mit einem tränennassen Taschentuch abwischend. Er wird es nicht schaffen, seinen zusammengebrochenen Bruder aufzurichten. Zu dem Begräbnis am folgenden Tag wird die halbe Stadt anwesend sein. Die Beileidsbekundungen dauern eineinviertel Stunden.

„Wenn eine Mutter ihren Mann und ihre Söhne in Italien zurücklässt, ist es als würde das gesamte Haus in sich zusammenfallen. Sie ist sowas wie ein Mittelpunkt, ein Zentrum, um den die kopflosen Männer kreisen und an das sie sich klammern. Sie sind wie Babies, die sogar das Essen vergessen würden. Am schlimmsten aber ist es jetzt für den Vater. Wie soll er denn noch ins Bett gehen oder aufstehen ohne seine Frau zu finden.“

Wir haben in der Küche keine Worte gefunden und teilen jetzt das Schweigen. Europa aber muss eine Antwort finden.

Eine deutsche Reportage mit aktuellen Hintergrundinformationen über die Lage in Kalbrien des SWR gibt es hier:

Meine Angst vor der WM 1 – Das Testspiel

La bandiera sul balcone:

Die mediale Rüstung Italiens hatte bereits vor dem eigentlichen Anpfiff der diesjährigen Fussballweltmeisterschaft ganze Arbeit geleistet. So wurde schon mindestens zwei Monate im voraus damit begonnen, in „seriösen“ Talkrunden mit berühmten „Fussballexperten“ (meistens sehr beleibte Männer in teuren Anzügen und lächerlichen Brillen) bzw. Slow-Motion-Endlosschleifen der Tore aus der vergangenen WM (mit heroischen Balladen und den erstickten Siegesschreien der Kommentatoren und Tifosi unterlegt) das Volk einzuschwören.

In unserer WG hätte dies um ein Haar zur ersten großen Krise geführt. Dabei hatten wir erst noch freundschaftlich über die beidseitigen Vorurteile hinsichtlich der Stärken, Schwächen und zwangsläufig davon abgeleiteten Mentalitätspöbeleien der Massen gescherzt:

„Ihr Deutschen seid groß, kantig und rauh! Ihr walzt alles platt! Könnt nur mit hohen Bällen was anfangen und würdet wegen eurer Disziplin sowieso alles tun…!“

„Und ihr seid eitle Muttersöhnchen mit Haarnetzen! Lasst euch bei jedem Windzug auf dem Boden fallen, um nicht wieder aufzustehen! Wuselt meistens so lang im Feld herum, bis der Ball irgendwie im Tor landet und beleidigt andere Mannschaften…!“

Es war alles gesagt und dabei wollten wir es eigentlich auch belassen. Doch das Schicksal hatte an diesem Abend anderes im Sinn: Der italienische Propagandaaparat zeigte, als wolle er unseren soeben bewarrten Völkerfrieden unterwandern, in voller Länge die noch immer nicht ganz verdaute Partie Deutschland-Italien aus dem zurückliegenden Halbfinale.

„Voi siete tedeschi, non sapete che cosa significa essere patriotico!“ (“Ihr seid Deutsche, ihr wisst nicht was es bedeutet, patriotisch zu sein!“)

Das erwiederte unsere, nun plötzlich fiebrig vor dem Fernseher wie ein Flummi auf und ab springende Mitbewohnerin, während wir versuchten, sie mit kleinen Sticheleien aus ihrem tranceähnlichem Zustand zu erwecken. Uns gefiel diese Bemerkung, denn sie traf absolut zu. Abgesehen davon, dass mir das stolze Fahneschwenken und Hymnensingen schon immer unverständlich war, wollte ich mich auch nie in den Chor mit jenen deutschen Patrioten einreihen, die außer diesem Stolz in irgend einer dumpf-mümmelnden Form Luft zu machen, nichts weiter fertig bringen.

Die gesamte Situation erschien uns paradox: Wir schauten die Wiederholung eines vier Jahre zurückliegenden Spieles, dessen Ausgang uns allen nur zu gut bekannt war, sich geradezu eingebrannt hatte in unser Gedächtnis, und fanden es daher auch mehr als überflüssig, irgendwelche Parteilichkeiten an den Tag zu legen.

Und dennoch – teils aus kaltblütiger Provokationslust, teils aus dem fraglosen Verschmelzen unserer Mitbewohnerinnen mit den „Azurros“, die nun 13:2 gegen uns anrannten – stichelten wir weiter. Wir begannen jedes Fallen eines Blauen mit „simulazione“ (Schwalbe) und jeden Deutschen Ballkontakt mit „forte“ (stark) und „pericoloso“ (gefährlich) zu kommentieren. Wir schafften uns richtig rein in das Fangepöbel. Gegen Ende der Partie überschritten wir dann die Grenzen, als wir auch noch für die geschlagenen Franzosen Partei ergriffen und sagten:

„Eurer Fussball ist wie eure Politik: regelwiedrig und respektlos. Materazzi ist das beste Beispiel dafür!“

Bam, das hatte gesessen. Schon waren wir mitten im letzten Finale, es folgte eine ausgiebige Reihe von Flüchen:

„Die Franzosen und Zidane sind doch selbst daran Schuld! So kann man sich nicht in einem Finale benehmen! Er ist doch mit dem Kopf durch die Wand gegangen!“

„Aber Materazzi hat seine Mutter beleidigt!“

Bei dieser Entgegenung mussten wir uns zusammennehmen, um nicht bereits hier, dem sich stark aufdrängenden Reflex nachzugeben und in Lachen auszubrechen. Doch wir brachten es fertig und hielten die Rolle aufrecht.

„Das hätte Materazzi nie gemacht. Er hat nach der WM in einer Talkrunde weinend gesagt, dass er seine Mutter verloren hat. Das würde er nie tun!“

Nun wär es an dieser Stelle, und vor dem Hintergrund eines fast einjährigem Italienaufenthaltes, vielleicht klüger gewesen die Reißleine zu ziehen. Unsere Mitbewohnerinn war aufgesprungen und bebte zornig, aber wir waren bereits im Blutrausch und setzten hochprozentig noch einen drauf:

„Oh der Ärmste, er hat in der Talkshow geweint!“

Das war zu viel. Zumindest für den Moment. Es wurde sehr laut. Wir verstanden zum Glück nicht alles, da sie in ihrem Zorn in kalbresischen Dialekt abrutschte, dennoch zogen wir es vor das Zimmer für kurze Zeit zu verlassen.

In der Küche blieben uns nun einige Minuten der Besinnung. Erstaunlich war, dass wir nach kurzem Resümieren entdeckten, dass unsere vom Sommermärchen gefärbten Erinnerungen an das deutsch-italienische Spiel nach vier Jahren die ein oder andere Einzelheit kaschiert hatte. So waren wir überzeugt gewesen, dass das Ergebnis im Hinblick auf die Spielqualität der Italiener absolut nicht gerechtfertigt war, dass vielmehr unlautere Methoden, wie Schwalben und gar ein unrechtmäßig vergebener Strafstoß, das Spiel entschieden hätten. Dies traf natürlich nicht zu. Italien schoß kurz vor Ende des Spiels zwei wunderschöne Tore. Sie haben verdient gewonnen und wir stießen wenig später mit unseren Mitbewohnerinnen darauf an. Dennoch: Dies war erst der Anfang. Und ich bin gespannt, ob wir in knapp 6 Wochen noch immer hier wohnen werden.

zur Erinnerung allein der italienische Kommentator ist es wert, sich das Ganze nochmal anzuschauen:

WM2006 Halbfinale: Deutschland – Italien – MyVideo

Aus-Züge 1 – Das Metrotagebuch

Zug der blauen Metrolinie (B), nachts und leer

In dem Moment, in dem die Metro einfährt, ein Foto machen vom Fahrer. So wie er dasitzt, in dieser kalt leuchtenden Zelle und in das Dunkel blickt. Am Kopf eines weißen Wurms, der sich dröhnend und kreischend durch die Gedärme Roms schlängelt.

Stazione Arco di Travertino (A)

Ich versuche den Lautsprechern im Schacht zu entkommen, aus denen Fetzen süßer italienischer Hymnen durch die geöffneten Metrotüren hinein schwappen. Meine Ohren sind längst zuckerkrank. Werde vielleicht ab jetzt immer Insulin in Form von Kopfhörern mitführen müssen.

Stazione Colli Albani (A)

…“I did it my way“ Die Melodie scheint mich hier zu verfolgen. So seltsam, wie ein bestimmtes Lied, einmal angespielt, plötzlich in tausendfachem Echo wiederhallt. Gerade spielten es zwei Akordeonisten in der Metro. Der Ältere, vielleicht 18, und sein kleiner Bruder mit einer Atrappe, die fast so groß ist wie er, an der er schwankend die Bewegungen der Bahn ausbalanciert. Die Musik fährt vorüber, als wäre sie selbst ein Zug. Zwei Haltestellen weiter und sie ist nicht mehr zu hören.

Stazione Termini – 09.00 Uhr (Rushour)

Noch am Bahnsteig, die Fahrgäste hinter der gelben Linie wie zu einer Front ausgerichtet, ein wuchender Garten zur Hecke zurechtgestutzt, alles durch den Rückspiegel des Metrokapitäns geschossen. Diese Masse an Hälsern und Köpfen, die sich hier wie auf ein Zeichen unter dem Alarm der aufspringenden Türen hineinstürzt und der finstere Blick des Kapitäns im Spiegel, weil sie wissen, dass sie nicht alle hinein passen, weil sie vom nackten Entsetzen gepackt, noch bevor irgendwer den langen weißen Körper verlassen kann, hinein drängen, stoßen, rämpeln, um nur nicht vor den Türen zu bleiben, als hätte jemand den Bahnsteig angezündet, als würde nach diesem einen Zug nur noch das Schwarz des Tunnels bleiben. Mit ihren Sonnenbrillen, den großen funkelnden Markenzeichen seitlich an den Bügeln, ein Visier, das wie ein Bildschirm das Geschehen zurückwirft, hinter dem sie unter der Erde komplett verschwinden können, um nicht sichtbar zu sein und nicht sehen zu müssen, verpackt in seltsame mit Daunen gefütterte Lackjacken, die chemisch zu glitzern beginnen, glänzendes Haar, als kämen sie gerade aus einem Meer und der Geruch von Gärten und Schweiß, die nun ineinander fallen und auf der Zunge zu kratzen beginnen, das alles wird den Kapitän wieder aufhalten, den Fahrplan durcheinander bringen, warum nehmen sie nicht einfach den nächsten Zug in einer Minute. Keine Zeit, in Rom, unter der Erde.

Stazione Repubblica (A)

Dann der Junge Typ, mager, schwitzend, mit schattigen Augen, der mich kurz hinter‘m Termini auf Englisch anspricht und erzählt, dass er drogensüchtig war, noch ein wenig Gras rauche, Geld für einen Schlafplatz braucht.

Stazione Bologna (Linie B)

Ein Mann im Anzug, grau, darunter ein violettes, steifgebügeltes Hemd. Er ist ebenso steif in diesen Anzug gezwängt, als hätte ihn seine Mutter gleich darin aus dem Bett gehoben und mit aufs Bügelbrett gelegt. Plötzlich bricht es aus ihm heraus und er beginnt, wie wild auf dem Griff seines Handkoffers zu trommeln. Bei dem Krach, den seine Schläge im Metrotunnel verursachen, zuckt er selbst zusammen und das Solo bricht sofort wieder ab.

Sta­zio­ne Cipro (Linie A)

Ein viel­leicht drei­jäh­ri­ges Kind auf dem Arm sei­nes stol­zen Va­ters, der ihm un­nach­gi­big die Un­ter­welt er­klärt. Man müss­te wie die­ses Kind Metro fah­ren kön­nen. Mit gro­ßen Augen und alle Sinne weit ge­öff­net, um diese ei­gen­ar­ti­ge Reise unter der Erde rich­tig wahr zu neh­men. Alles be­rüh­ren, auf­neh­men, schme­cken. Hin­ter allem eine neue Welt ver­mu­ten. Doch am Ende der Fahrt wird wohl auch das Kind, wie alle An­de­ren, sein In­ter­es­se an den Din­gen ver­lie­ren und ihm die blin­den Namen geben, die sein Vater ihm wie Gift ins Ohr säu­selt.“

mp3: Geiger in der Metro (A) Porta Furba Richtung Termini

Glaube 2 – Das neue Rom


vatikanische Museen

„In seinem Eifer, sich nützlich zu machen, und in dem Drang, seine Überzeugung aller Welt zu verkünden, setzte sich Pierre eines Morgens an den Tisch und schrieb ein Buch. Das hatte sich ganz natürlich ergeben. Dieses Buch war ein Aufruf seines Herzen, jede literarische Absicht lag ihm fern. Eines Nachts, als er nicht schlafen konnte, war der Titel plötzlich in der Finsternis vor ihm aufgeflammt: >Das neue Rom< . Das sagte alles, denn musste nicht von Rom, dem ewigen, heiligen Rom, die Befreiung der Völker ausgehen?" (Emile Zola – Rom)

„Wenn meine Oma wüsste, dass ihr nicht getauft seid, dann würde sie sofort hier her kommen und euch in die Kirche schleppen.“

Vor zwei Jahren entschied sich meine Mitbewohnerin zu glauben. Sie betet jeden Tag den Rosenkranz, geht Sonntags zur Messe, bekreuzigt sich vor jeder Mahlzeit und isst vor Ostern für 40 lange Tage kein Fleisch. Meinerseits müsste ich wohl ähnliches erwidern, denn auch meine Oma würde mit missionarischen Absichten hier erscheinen. Allerdings hielte sie eine Zigarette anstelle des Kreuzes in der einen und in der anderen Hand eine gebundene, sehr alte Ausgabe des „Kapitals“. Das imaginierte Aufeinandertreffen der beiden Damen könnte man wohl getrost als Krieg der Welten bezeichnen, wobei zumindest die Sprachbarrieren den Frieden wahren würden. In Krisenzeiten, wo ganze Staaten zu verschwinden drohen, scheint auch die italienische Masse eines der großen Werke wieder aus dem Regal zu nehmen, um Argumente dafür zu finden, das Andere weiterhin dort belassen zu können.


„Es war höchste Zeit, die unausweichliche, furchtbare Katastrophe, den Bruderkrieg der Klassen abzuwenden, der die alte Welt hinwegraffen würde, die dazu verurteilt war, unter der Last ihrer Verbrechen zu verschwinden.“
(Zola)

Meine Skepsis richtet sich im Allgemeinen bei unseren Gesprächen in der Küche nicht gegen einen Glauben. Die paar Jahre an einer modernen Bildungseinrichtung mit praktischem Profil reichten bereits aus, eine gesunde Abneigung gegen den Post-postmodernen Splitterfanatismus, der auch noch die kleinste Einheit zwischen Innen und Außen durch Wirtschaft, Wissenschaft oder Kunst zertrennen will, zu entwickeln. Ich will weder in das Lager der demonstrativ Leidenden, noch in jenes derer, die sich vor diesem Hintergrund eher für das Leid-Zufügen entscheiden. Was aber bleibt da noch übrig? Revolutionärer Kampf? Kirche? Einsiedlertum?

Man kann es auch knapper mit Pessoa formulieren: Ich hatte immer mehr Misstrauen den Menschen gegenüber als den Göttern. Vor allem aber richtet sich mein Misstrauen gegen jene, die sich, durch eine öffentlich geradezu bestürzend inszenierte Frömmigkeit, ihr eigenes Homo-Mensura jenseitig legetimieren lassen, um es fortan gegen alles Lebendige auf diesem Planeten (Mensch wie Tier) einzusetzen. Jene, die einen jenseitigen Glauben postulieren und sich zu einer weltlichen Macht erheben wollen. Rom ist da historisch betrachtet natürlich ein Paradebeispiel. Warum also die Kirche? frage ich mich und meine Mitbewohnerin.

„Ich bin Kommunistin und Gesú (Jesus) war vielleicht der erste wahre Kommunist. Für mich ist der Glaube die eine, die Kirche die andere Sache. Der Mensch ist fehlerhaft, auch die Kirche. Aber es macht mich rasend, dass man an Berlusconi Hostien austeilt.“


Vor den Türen des Gottesstaates, direkt neben dem Petersplatz

An der Stelle würde meine Oma sicherlich interessiert aufhorchen. Es kann (soweit mag meine Kenntnis des neuen Testaments noch tragen und ohne jetzt eine grundlegende Debatte zu führen, was Kommunismus in seinen Grundzügen bedeutet) gar nicht so abwegig sein, Jesus als kommunistischen Prototypen heran zu ziehen: Er war arm und das Wenige, was er besaß, teilte er mit jedem, den er traf. Das ist jedoch im Allgemeinen eine Eigenschaft, die die meisten Propheten an den Tag legten, bevor sie zu solchen erklärt wurden. Auch der christliche Gedanke einer Gütergemeinschaft im ursprünglichen Zustande, als alle Menschen zu gleichen Teilen von Gott die Erde empfingen, ist vielleicht das kommunistischste Konstrukt überhaupt hinsichtlich der Klärung der Verteilungsfrage. Ungleich schwieriger ist natürlich die Umsetzung dieser in der weltlichen Praxis vor dem Hintergrund, dass nicht nur Raum und Ressourcen begrenzt sind, sondern auch nicht alle in den Vertrag mit eingeschlossen werden können. Ich bezweifle stark, dass ich mit dem Satz „Gott gab mir dieses Land genau wie unserem Papa“ an den Schweizer Garden vorbei marschieren und mein Lager fortan innerhalb der vatikanischen Mauer aufschlagen könnte.

Wie wir sehen fielen die Umsetzungsversuche beider großer Werke in Theorie und Praxis stets auseinander. Der Plan eines Weltchristentums scheiterte, ebenso wie der Traum von der großen Revolution. Aber der gegenwärtige Entwurf, stürzt uns als Nachwehe einer neuen vor Jahrhunderten im wilden Westen auf freiheitliche Prinzipien gegründeten Welt ebenfalls in die Krise. Wohin also blicken? Zurück. Nach oben, unten, vorne? Was passiert jetzt? Worauf lässt sich bauen?

Nun, es steckt noch immer sehr viel Glaube in Rom. Mitten in den Straßen, zwischen Autos auf Verkehrsinseln, findet man plötzlich Kerzen und Blumen vor Heiligenbildern, in Abständen von einer Woche etwa klingeln zwei ältere Frauen der Zeugen Jehovas bei uns, um meine Mitbewohnerinnen zu erwecken. In Bussen werden junge Mädchen von älteren Damen gebeten, ihre Blöße zu bedecken, zum Leidwesen der frisch beflaumten, glatt gestriegelten Halbstarken, die auch im Sommer ihre daunengestopften Lackjacken tragen und pausenlos mit ihren Handys Fotos machen. Nicht selten schreiben die Hände nach dem alltäglichen und wie ein Echo in der überfüllten Metro von Mund zu Mund wandernden „O dio!“ ein Kreuz vor die Brust. Es gibt ihn also auch in der Hautstadt, doch gerade hier ist der Mensch zerrissen. Auf den höchsten staatlichen Ebenen scheinen sich noch immer, wie es schon Zola beschrieb, die Weißen und Schwarzen gegeneinander behaupten zu wollen. Auf der einen Seite jene, die weder Gebote noch Gesetze achten, verschanzt in Palästen und gepanzerten Limousinen, andererseits die, die, ebenfalls in Palästen sitzend, den Glauben auslegen, beten und das Dogma predigen. Beide Welten getrennt voneinander durch eine Mauer bewacht von der jeweils eigenen Armee. Und doch fließen diese Universen anhand von Machtfragen notgedrungen ineinander, die einen werden in den Reihen der anderen durch gewisse Entgegenkommen geduldet, sie schließen einander nicht aus, sie sind genauso zerrissen wie das Volk, das vor den Palästen steht.


„Lasst die Kinder zu mir kommen!“ Streetart-Kritik an Papa Ratzinger von Urka.

Der interessanteste Glaube, die Mystik und die Wunder, ereignen sich meines Erachtens jedoch in den ländlichen Gegenden. Meine Mitbewohnerinnen kommen aus Kalabrien, der Stiefelspitze tief im Süden. Das ist von Rom aus betrachtet eine andere Welt. Die Menschen sprechen Dialekt, wobei es für uns nach einer völlig anderen Sprachen klingt. Die Wörter werden weder akzentuiert noch beendet. Es wird verbunden, leidenschaftlich nuschelnd, als hätten sie nicht nur ständig den Mund voll, sondern würden sich während des Kauens unterhalten und ihn daher stets nur einen winzigen Spalt weit öffnen können. Die Städte sind klein, 5000 Einwohner. Das Leben ist ruhiger. Man kauft das Fleisch beim befreundeten Schlachter und auch der Käse wird direkt vor den Augen geschnitten. Es gibt nicht viel zu tun. Darum verbringt man viel Zeit mit Essen. Sehr gerne wird frittiert oder überbacken, im Zweifelsfalle beides. Es gibt keine Clubs, aber dafür „Un sacco delle chiese“ (einen Sack voller Kirchen). In den langen Sommernächten treffen sich die jungen Leute entweder auf einem Platz im Zentrum, oder sie laufen auf einem winzigen Promenadenstück am Wasser im Kreis bis ihnen die Augen zu fallen, denn sie wohnen daheim bei den Eltern und wollen die Zeit bis zur Heimkehr so weit es geht hinauszögern.

Genau dort in Städten wie Paula und Santa Lucido gibt es noch Erzählungen: z.B. die Grotte in der San Francesco di Paula, jener Heiliger, nach dem nicht nur unzählige Kirchen auf der ganzen Welt, sondern auch das deutsche Weißbier benannt ist, gelebt haben soll. Der Holzverschlag vor einem Brunnen gegen den der Leibhaftige mit seinen Hufen trat und der seitdem nicht zu reparieren ist. Die Windhose, die sich draußen vor der Küste Santa Lucidos abends zusammenbraut und nur verschwindet, wenn man sich mit einem Messer bekreuzigt. So sehr mir solche Überhöhungen von Orten und Naturereignissen auch gefallen, da sie den Menschen seiner egozentrischen Urheberschaft entheben und vor ein Größeres stellen, so bin ich doch weiterhin skeptisch, was vor Ort den institutionellen Schatten angeht, der stets die Erklärungen begleitet. Jeder Glaube, das ist meine private Auffassung, der sich in der Welt zu einer Institution auswächst, verliert seine Glaubwürdigkeit, da er sich, indem er behauptet, nun mehr irdisches Wissen zu sein und dieses gegenüber Anders- oder Nichtgläubigen durchsetzen zu müssen, selbst aufhebt. Ich halte mich dahingehend eher an meine Lesart von Hölderlins Dichtung und sehe die Aufgabe des Menschen in jeder Zeit darin, privat und für sich eine neue Mythologie aus der Natur, der Geschichte und der Gesellschaft zu synthetisieren.

Am Ende bliebe also das Modell des Einsiedlers übrig, denn scheinbar hat uns die versuchte (Re)Fusion von Kirche und Gütergemeinschaft, die nach Zola im jungen Amerika die besten Früchte trug, in die Krise geführt, die wir gerade heute als Geiseln der „entgrenzten“ Freiheit zu spüren bekommen. Doch so wie der Mensch aus meiner Sicht als der ewig dissonante Akkord unter anderen dissonanten Akkorden – in denen Wissen, Glauben und Handeln zu gleichen Teilen ihre Stimme erheben und einen grausamen Chor produzieren, betrachtet werden könnte – fühlt er sich gleichsam gezwungen, dieses Lied zu einer halbwegs erträglichen Melodie zu optimieren. Hiermit fiele nun aber ebenfalls der Einsiedler weg.

Mein persönliches, neues Rom würde mit der Gründung der 3. Republik, der Inhaftierung des Premiers mitsamt aller seiner Familien und dem Öffnen des Gottesstaates für alle die, die krank und hungrig an seinen Toren die Nächte bettelnd verbringen, beginnen…

So hatten es die Kinder gehört, und wohl
Sind gut die Sagen, denn ein Gedächtnis sind
dem Höchsten sie, doch auch bedarf es
Eines, die Heiligen auszulegen. (Hölderlin, Stimme des Volkes)