Von meinem Integrationsproblem

Nach einem Jahr in Rom kehrte ich zurück in die kleinste Großstadt Deutschlands. Ich war etwas ängstlich, das muss ich zugeben. Obwohl man immer denkt, die Welt dreht sich überall dort, wo man gerade nicht zu Hause ist, mindestens doppelt so schnell, hatte sich dort jedoch nicht allzu viel getan. Es standen die gleichen Leute vor‘m Hauptbahnhof, mit Flaschen in der Hand, als würden sie nur auf den nächsten Zug warten. Auch die kantig-graue Nachkriegsarchitektur, die im Zentrum und der Peripherie mit ein paar historischen Fachwerkbauten gesprenkelt ist, hatte sich nicht bewegt.

Mich empfingen die gleichen rauchig braunen Gesichter, die wie angegangenes Fallobst trostlos in den Bussen umherschaukelten. Das Mädchen, das erzählte, dass ihr Freund nach Afghanistan müsse, sie dann aber für die Zeit, in der er weg ist, wenigstens das Auto nutzen könnte. Und während draußen Casinos, Wettbüros und Bestattungsunternehmen vorüber zogen und ich erfuhr, dass sogar in eine der Studentenbars ein Bestatungsunternehmen gezogen ist, dachte ich, stark verwundert über mich selbst: Wie schön wieder hier zu sein.

Dabei gab es durchaus schwere Momente des Loslassens. Als ich z.B. mit dem Nachtzug um 6 Uhr in der Frühe das klitschnasse, halberfrorene München erreichte und man mir für 2,50€ scheinbar das gleiche graue Wasser, das draußen unaufhörlich aus dicken Wolken in die traurige Landschaft prasselte, als „Kaffee“ in eine Tasse filterte. Da fühlte ich mich kurz versucht, sitzen zu bleiben und mit dem selben Express direkt über den Brenner zu flüchten. Zurück in das Land, in dem gerade erst die schönste Jahreszeit begann und „il café“ ölig und konzentriert aus der machinetta sprudelte, um das Herz auf 3000 Umdrehungen zu beschleunigen. Aber selbst diese frühe schmerzhafte Erfahrung mit einer der grausamsten deutschen Unsitten hinderte mich nicht diesem wärmenden Gefühl noch etwas nachzugeben, während sich das Altbekannte geradezu festlich vor mir ausbreitete. Mehr noch, ich war sogar bereit zu einer Geste des Friedens. Ich war bereit all das großbürgerlich Deutsche, das mich vor einem Jahr aus dem Land getrieben hatte, zumindest für diesen einen Moment zu umarmen, spürte ich doch, dass irgendwo dort auch etwas kleines von mir selbst schlummern müsste, an das ich mich in der Ferne hin und wieder gern erinnert hatte.

Was mich allerdings in dieser Bewegung, sehr schnell straucheln ließ, war der Eindruck, dass etwas sehr Unangenehmes an meinen Schuhen klebte. Kaum hatte ich die Alpen überquert, redeten plötzlich alle von „dem Integrationsproblem“. Ich war irritiert und fragte immer wieder interessiert nach, wer denn hier nun wen, wie und wohin überhaupt integrieren sollte. Aber anstatt über eine Antwort ernsthaft nachzudenken, pöbelten mir die Einen etwas von europäischem Wertebewusstsein in die Ohren, während die Anderen von ihrer tief-sitzenden Angst gegenüber dem Islam berichteten. Ich dagegen war sprachlos, denn ich fühlte mich an Berlusconis mediales Expertenlager erinnert. Und auch daran, dass ich meinen römischen Mitbewohnerinnen stets versicherte, dass die fremdenfeindlichen Stammtischparolen à la Calderoli, Maroni, Bossi oder vom Cavaliere selbst, zumindest in der deutschen Politik nicht möglich wären. Und jetzt zeigten sich bei meiner Rückkehr plötzlich alle recht zufrieden damit, dass man, dank der öffentlichen Hetzschrift eines fundamental „demokratischen“ Rassisten aus der „europäisch aufgeklärten Mitte der Gesellschaft“, dieses „schwierige Thema“ endlich einmal unter sich geklärt habe.

Ich fühlte mich wieder unglaublich fremd und dieses Gefühl intensiviert sich täglich. Wenn jetzt in der wachsenden „neuen Mitte“ Europas Beifall geklatscht wird, möchte ich für meinen Teil versichern, dass ich nicht zu dieser „aufgeklärten Mehrheit“ gehöre und mich gegen jeden ihrer Integrationsversuche wehren werde.