Portrait 3 – Fausto Delle Chiaie

Zeichnung: pheonemy

Ich stehe im Zentrum Roms auf einem weiblichen Unterleib, an dessen rechtem Fuß ein Damenschuh mit Absatz liegt. Auf dem Gebiet des ehemaligen Marsfeldes wirft das Ara Pacis Museum, ein weißer Würfel aus Marmor und Glas, gnadenlos das Tageslicht zurück in die angrenzenden Gassen, vor vier Jahren wurde es von Richard Meier wie eine Schutzhülle über das antike Denkmal, die Wurzel Roms, gestülpt. Das massive Relikt des über 2000 Jahre alten, bunkerähnlichen Friedensaltars zum Gedenken an Augustus siegreiche Feldzüge und die erste lang anhaltende römische Waffenruhe, wurde vom Senat um 13. v. Chr. errichtet. Das, was dort zusammengetragen, an den Wänden hängt, auf Podesten ruht und sich über Leinwände bewegt, erzählt von der größten Zeit Roms. Das Reich im Zenit seiner Macht. Seitdem ist die Geschichte der ewigen Stadtdie eines Verfalls.

Der weibliche Unterleib ist mit Kreide auf den Boden gezeichnet. Daneben auf einer kniehohen Mauer steht ein Pappschild mit dem zweisprachige Titel: „Mezza nuda – Half naked.“ Ich stehe mitten in Faustos Atelier. Entlang der Mauer, die das Augustusmausoleum begrenzt, erkenne ich eine ganze Reihe kleiner Gegenstände mit dazugehörigen Pappschildern. Eine runde Messingmünze ist auf ein Frühstücksbrett genagelt mit dem Titel: „una moneta disgraziata – a poor coin.“ Dann unter Wasser in einer Tupperdose: zwei Steine auf die Gesichter gemalt wurden: „Nacisi – Narcissus“. Und ein aufgeschnittenes Fahrradschloss am Zaun hinter der Mauer, davor das Schild „Era bella – it was beautiful.“ Am Ende der Mauer holt ein älterer Herr kleine Gegenstände aus einem blauen Handwagen, um sie dort zu postieren. Erst jetzt begreife ich, dass ich mich wieder in einer Ausstellung befinde.
Das alles hierist Rom, aber es muss auch in seinen kleinsten Details gezeigt werden. Ich habe mir diesen Platz vor 20 Jahren ausgesucht, weil er zentral liegt , aber trotzdem keine Einkaufstraße ist.

Schau mal, dort steht ein Museum und hier (er zeigt auf das Augustusmausoleum) wollen sie ein zweites großes Museum bauen. Um zwei Brocken römische Geschichte, werden nochmal zwei Brocken herum gebaut. Diese kleine Straße ist meine Vorstellung von einem traditionellen Museum, an der freien Luft, für jeden zugänglich. Ich spiele mit Fundstücken, Dingen, die, die Menschen aufgegeben haben, die Niemandem mehr gehören, um zu zeigen, was Rom ausmacht. Hier sieht man die vielen Gesichter der Stadt; kleine Einfälle über Situationen, Verhalten, das, was Rom und seine Bewohner bewegt.

Während Fausto zu reden beginnt, hat er bereits ein kleines Porträt von mir auf die Rückseite eines seiner Pappschilder gemalt.

Hier, das ist die Eintrittskarte zur heutigen Ausstellung. Normalerweise funktioniert es so, dass ich die Gegenstände, die ich in der Stadt finde erst einmal mit nach Hause in mein Archiv nehme. Ich nenne es: meine Seele. Dort sind meine gesamten Arbeiten, alle meine Werke und ihre Orte dokumentiert. Ich habe in Straßen und auf Plätzen in Sizilien, Frankreich, in Belgien, Irland und Deutschland gearbeitet. Da haben sich eine Menge Sachen angesammelt. Wenn sich eine Idee ergibt, platziere ich sie hier in meinem Museum all‘ aperto (Freiluftmuseum) am Ara Pacis. Einige dieser Ideen sind seit 20 Jahren im Repertoire, andere verändere ich und dann kommen immer auch Neue hinzu. Es gibt keinen Tag, andem die Austellung sich wiederholt, denn nicht nur die Exponate, sondern auch der Ort und natürlich die Besucher haben Teil am Prozess, sind selbst wesentlicher Bestandteil der Ausstellung. Manche Werke werden z.B. durch den Regen besser, andere werden zerstört. Die Leute schauen, reflektieren, machen sich die Arbeit bewusst. Ein Satz oder ein Kommentar und das Werk verändert sich. So ist das.

Fausto bewegt sich pausenlos wie an einem Pendel vor mir, die Haare wirr im Gesicht und eine Unruhe, ein Flackern, unter der dickglasigen Brille. Das alles scheint auf eigenartige Weise nicht zu dem älteren Herren zu passen, den sein Sakko, die etwas gebeugte Haltung und der graue Glanz in den Haaren aus ihm macht. Als stecke in ihm ein Wille, der sich, mit der eigenen Form, in die er gezwungen wurde, nicht zufrieden geben will. Alle notwendigen Arbeitsprozesse und Rollen einer Ausstellung vereint er in Personalunion. So ist er Direktor, Kurator, Künstler, Schatzmeister, Kritiker, Konstrukteur und sogar selbst Teil der Kunstwerke. Gerade stolpert ein Betrunkener durch die Gasse und bettelt um ein paar Euro für Brot. Fausto schlüpft für einen Augenblick in die Rolle des Wachpersonals. Nein, geh weiter. Stör die Leute nicht. Ich hab es dir schon hundertmal gesagt. Gib ihm nichts, er kommt sonst jeden Tag und stört die Ausstellung!

Es wirkt tatsächlich, als ob mehrere Stimmen aus diesem Körper sprechen, verschiedene Personen, verbunden über einen sprunghaften Verstand, der, während er hastig die eigene Arbeit erklärt, bereits neue Ideen entspinnt und umsetzt.

Weißt du, das alles hier ist Rom. Vielleicht auch Italien. Man kann es in den kleinen Dingen sehen. Aber nicht im politischen Sinne. Ich politisiere nicht mit meiner Kunst. Meiner Meinung nach hat Politik in der Kunst nichts zu suchen. Wenn du versuchst als Künstler über dein Werk Einfluss zu nehmen, hast du etwas falsch gemacht. Früher habe ich gemalt. Deutsche Expressionisten haben mich sehr beeinflusst. Ich war zwei Jahre in Brüssel, in Limerick Nordirland und in München und habe dort begonnen, wie hier im Freien zu arbeiten. Langsam haben sich auf diesem Weg die Objekte immer mehr gegen das Zeichnen durchgesetzt und so arbeite ich heute mit den Materialien, die die Stadt mir bietet. Sie werden zurückgelassen und für die Leute unsichtbar.

Während Touristenkolonnen mit Bauchtaschen und Safarihüten an Faustos Mauer vorbeimaschieren, verschwindet der Künstler. Er wird selbst Teil seiner Arbeit. Er posiert an der Außenfassade des Ara Pacis Museum, dort wo die „Res Gestae Divi Augusti“ der Rechenschafftsbericht Augustus‘ in großen Lettern, von den göttlichen Taten des ersten römischen Kaisers berichtet. In starrer Haltung wie ein Soldat, als hätte er den weißen Block in seinem Rücken zu verteidigen. Das Werk heißt „doppione“, „Doppelgänger“, denn der Künstler ist in exakt der gleichen Haltung vor dem gleichen Hintergrund auf einem Foto zu sehen, das ein kleiner Rahmen auf der Mauer zeigt. Hier fallen Werk und Ort selbst für den, der sich müde vom Museum vorbei schleppt, greifbar ineinander. Dem Betrachter wird der Spiegel vorgehalten und es formulieren sich die Fragen, die das Konzept der Ausstellung paraphrasieren: Wo ist Kunst? Wann ist Kunst?

Als Jugendlicher war ich Straßenkünstler in Rom. Ich habe gezaubert, jongliert, kleine Kunststücke und Illusionen vorgeführt. In den 70er Jahren habe ich damit aufgehört. Ich wollte Künstler werden. Seit ca. 1980 arbeite ich mit Objekten, aber die Gegenstände sind für sich noch nicht das Werk. Der Gedanke formt den Gegenstand und schließlich verwandelt er sich in das Werk. Der Titel ist dabei genauso entscheidend wie der Ort. Es kommen hier also mindestens vier Sachen zusammen. Das Material. Die Idee. Der Raum und natürlich der Besucher. Lange Jahre habe ich hier die Kommentare der Gäste in kleinen Heften gesammelt. Inzwischen sind daraus mehrere Bücher entstanden. Ich habe sie in meinem Archiv und gab ihne den Titel „Res Publica“. Das bezieht sich natürlich auch auf den Ort der Arbeit und die „Res Gestae“. Es ist quasi eine Antwort des Volkes. Wobei ich mich hier nicht mit Augustus vergleiche. Verstehst du?

Während Fausto über seine Arbeit spricht, fallen keine kunstkritischen Kraftausdrücke wie Readymade, Objet-Trouvé oder heiligeNamen wie Duchamp, Schwitters, Beuys. Er redet davon, dass der Titel entscheidend für seine Werke sei, weil er die Idee transportiert, die der Besucher mitnehmen kann und dass er von morgens bis abends an diesem Platz steht, um seine Werke zu präsentieren, seit 20 Jahren. In den Reflexionen seiner Arbeit durch bekannte italienische Kunstkritiker dagegen, in dem frisch erschienen Buch: „Fausto Delle Chiaie Làrte? Rubish!“ schöpfen die Akademiker nach Herzenslust aus ihrer reichen Begriffspalette und überbieten einander an Hypotaxe. Dabei wirkt es, als würde Fausto und seinem museo all‘aperto damit, ebenso wie es Meier mit dem Ara Pacis tat, eine Hülle verpasst, etwas übergestülpt, das uns von ihm entfernt, ihn entfremdet, das sich an seine Stelle setzt.
Il lavoro esposto viene a fine giornata inserito nel carrello e riproposto il giorno successivo.
Am Ende des Tages werden die Ausstellungsstücke in einen Handwagen gesteckt und am nächsten Tag wieder ausgestellt.

Auszug aus Faustos Manifest und Bidler

1#
„Questa non è una trasmissione televisiva.“
Ceci n’est pas une emission de television.
Das hier ist keine Fernsehsendung.

2#
„I non vedenti non pagano e sono perfino troppo.“
Die Blinden zahlen nicht und es gibt sogar zu viele von ihnen.

3#
„Questa può sembrare per alcuni addetti ai lavori una installazione ma non le è.“
Für Einige, die in der Kunstwelt arbeiten, mag das wie eine Installation aussehen, aber es ist keine.

4#
„Gli oggetti qui sono in sinfonia con lo spazio esterno che li contiene. E si fondono con il messagio dell‘opera.“
Die Objekte hier stehen, bilden eine Harmonie mit dem Raum, der sie umgibt und der einzelnen Botschaft der Werke.

5#
„Il visitatore inconsapelvolmente intereagisce su alcune opere.“
Der Besucher interagiert auch unbewusst mit jedem Werken.

6#
Non chiedete nessuna autorizzatione all‘autore per foto-filmatie a altro lui e solo il curatore.
Frage den Künstler nicht nach Erlaubnis für Fotos, Unterschriften oder ähnliches, er ist nur der Kurator.

7#
„La pioggia migliore alcune opere.“
Der Regen verbessert einige Austellungsstücke

8#
„Questa agenda se smarrita recapitela presso il Museo Dell‘Ara Pacis.“
Dieses Notizbuch wurde verloren, bitte geben Sie es zurück an das Ara pacis Museum.

Bilder:

Es war schön!

Fausto delle Chiaie

Links:
http://it.wikipedia.org/wiki/Fausto_Delle_Chiaie
http://www.flickr.com/photos/eluniel/3300601899/

Mehr Bilder:
http://www.pbase.com/ribes/open_air_museum__fausto_delle_chiaie

Video-Portrait mit englischen Untertiteln:

ROBACCIA RUBBISH „Fausto Delle Chiaie“ from LIBRE TOIRE on Vimeo.