Staatsraison

Vor vielleicht vier Monaten fiel auf einer Verkehrsinsel, an einer der größten Straßen Roms, ein Poller aus massiven Stein in den Fußgängerweg. Man hatte ihn vorher in Beton gegossen, um deutlich zu machen: „Fußgänger, dies ist dein Schlagbaum. Er steht unverückbar auf antiken Grundfesten. Jenseits dieser Grenze bist du sicher. Deine Insel. Dein Rechtsraum unangreifbar, verfassungssicher!“ Auf dem schmalen Streifen galt also keine StvO und vor allem keine ihrer vielseitigen römischen Auslegungen. Hier musste jeder laufen auf zwei Beinen, wenigstens bis zur anderen Straßenseite.

Dann im Zuge von schlechten Mischverhälnissen im Fundament und äußeren Einwirkungen (terroristische Motive sind noch immer nicht auszuschließen), legte sich nun die einst in stolzen Stein gegossene Norm, müde und brüchig vom Smog, wie ein Baum nieder und versperrte fortan seinen eigenen Anhängern, die sich noch immer weigerten, für die 30 Meter zum Supermarkt ins Auto zu steigen, den Weg.

Die von Hyundai gesponserte Verwaltung musste zumindest sichtbar reagieren. Und sie tat es geschickt. So wurde der gefallene Poller nochmals eingzäunt von rot-weißen Gitterstreben. Der Weg war damit unpassierbar und die politsche Botschaft hatte sich nur in Akzenten verändert. Man schien nun zu signalisieren. „Fußgänger, zur Gewährleistung deiner eigenen Sicherheit wird dir empfohlen, die nächste Verkehrsinsel aufzusuchen. Aber warum steigst du denn nicht einfach ins Auto? Hier ein paar Angebote von unseren Vertragspartnern.“

Die nach drei Monaten ebenfalls im Fallen begriffenen Umzäunungen werden nun abermals umzäunt. Am Ende wird die Insel zum Wohle der Allgemeinheit gespeert und es wird einen Hyundai-Shuttelservice geben, der die verbissen auf ihr Recht Beharrenden gegen eine kleine Abgabe innerhalb von 30 Minuten sicher auf die andere Straßenseite bringt. Dann muss nur noch das Ladenschlussgesetz optimiert werden und jeder kann zufrieden seinen Einkauf machen.