Nachruf auf ein sterbendes Land

Wir sitzen in der Küche unserer WG in Rom. Auf dem Computer läuft die letzte Partie der Fussballweltmeisterschaft dieses Abends, meine Mitbewohnerin und ihr Freund essen Fleischspieße. Er schenkt mir ein Glas Wein ein. Wir stoßen nicht an. Bringen steinmundig Worte ins Rollen, über die Mannschaften, die kommenden Spiele, als müssten wir alle versuchen gegen eine Stille zu arbeiten, die durch die geöffneten Balkontüren mit dem Abend hereinströmt und den Raum füllt. Wir sprechen über Fußball, ohne etwas zu sagen, wissen, dass sie gerade aus Kalabrien kommen, aber eigentlich noch dort , am Bett seiner Mutter sind. Die Stiefelspitze des Landes, bekannt für seine Strände, den guten Fisch und die Ernten, die weltweit exportiert werden. Der noch landwirtschaftlich dominierte Zipfel, der dem industriellen Norden seit langem ein Dorn im Auge ist, der zu aller erst genannt wird, wenn Bossi und seine verbitterten Kammeraden der erstarkenden Lega Nord über „sonnen-gebräunte, müßige, arbeitscheue Menschen im Mezzogiorno“ wettern, „die auf dem Rücken Padaniens ihr süßes Leben fristen, wo andere Urlaub machen“.

Wir scherzen über den Kommentator, der wie ein aufgekratzter Vogel über die letzten Minuten des unspektakulären Hin und Her auf dem veregneten Grün zetert. Wundern uns über die Zuschauer in Mänteln mit Mützen und Handschuhen, während wir in Shorts und mit freiem Oberkörper, jede überflüssige Bewegung vermeidend, das Eis-Wasser aus dem Gefrierfach nehmen und es um den Platz neben tiefgefrorener, kalbresischer salsiccia beneiden. Es wird abgepfiffen. Der Freund meiner Mitbewohnerin will mir nachschenken, ich halte die Hand über das Glas. Fülle es mit Wasser. Mein Kopf summt ein wenig nachdem ich das vorherige in drei Zügen hinunterstürzte. Nein, nein danke, ich muss noch einwenig studieren. Habe es fast geschafft, denke ich dabei. Kurz verweilen und den Tisch verlassen. Habe noch drei Prüfungen. Noch viel zu tun. Und ich hänge durch die Tür tretend eine italienische Floskel an: „Adesso ci vuole coraggio.“ „Jetzt braucht man Mut.“ „Ci vuole coraggio.“ wiederholt er und wir sagen uns gute Nacht.

Kalabrien der Rockzipfel Europas, wo in den 80er und 90er Jahren der gesamte Kontinent seinen Atommüll in die Hände der Mafia gab, die diesen dann im Meer versenkte oder an Flüssen in der trockenen Erde begruben. Seit 10 Jahren sterben entlang der Küstenlinie die Menschen leise und schleichend aus. Die Krebsrate ist nach einer letzten statistischen Erhebung von Allgemeinmedizinern unter ihren Patienten 4mal höher als im restlichen Land. Es sterben Kinder, Jugendliche, alte Menschen. Jeder aus dem Bekannten und Verwandtenkreis meiner Mitbewohnerinnen hat mindestens ein Familienmitglied verloren. Im September und Oktober des vergangenen Jahres fiel ein Blitzlicht auf die Region, als man den Aussagen eines geständigen Mafiamitgliedes (Fonti) nachgehend vor der Küste in 500 Meter Tiefe die Cunsky mit 120 Giftfässern gefunden zu haben glaubte. Eine anschließende Erklärung der Regierung lieferte dann jedoch die Antwort, über der sich die unruhige See der Medienlandschaft schnell wieder glättete. So handele es sich vielmehr um das 1906 gesunkene Passagierschiff Catania. Für Staat und internationale Presse schien damit der Fall Kalabrien erledigt und es breitete sich Schweigen über die mindestens 30 weiteren Giftmülldeponien im Meer und an Land. Von Staatsseite gab es nicht nur keine weiteren Versuche, den Skandal aufzuarbeiten, aus wirtschaftlichem Interesse zum Schutze der Region suchte man vielmehr scheinbar Hand in Hand mit der Mafia die Untersuchungen von Journalisten und Wissenschaftlern zu unterbinden.

02.00 Uhr nachts wird das Handy des Freundes meiner Mitbewohnerin klingeln. Sein älterer Bruder wird ihm verzweifelt bitten zurückzukehren, da seine Mutter im Sterben liegt. Ihre Schreie wird er im Hintergrund durch das Telefon hören. Um 04.00 Uhr tritt er die fünfstündige Autofahrt mit einer Freundin der Mutter aus Rom an. Seine Mutter wird eine Stunde vor seiner Ankunft sterben. Er findet seinen stummen Vater auf einem Stuhl neben seiner Frau sitzend vor, ihr Gesicht mit einem tränennassen Taschentuch abwischend. Er wird es nicht schaffen, seinen zusammengebrochenen Bruder aufzurichten. Zu dem Begräbnis am folgenden Tag wird die halbe Stadt anwesend sein. Die Beileidsbekundungen dauern eineinviertel Stunden.

„Wenn eine Mutter ihren Mann und ihre Söhne in Italien zurücklässt, ist es als würde das gesamte Haus in sich zusammenfallen. Sie ist sowas wie ein Mittelpunkt, ein Zentrum, um den die kopflosen Männer kreisen und an das sie sich klammern. Sie sind wie Babies, die sogar das Essen vergessen würden. Am schlimmsten aber ist es jetzt für den Vater. Wie soll er denn noch ins Bett gehen oder aufstehen ohne seine Frau zu finden.“

Wir haben in der Küche keine Worte gefunden und teilen jetzt das Schweigen. Europa aber muss eine Antwort finden.

Eine deutsche Reportage mit aktuellen Hintergrundinformationen über die Lage in Kalbrien des SWR gibt es hier: