Meine Angst vor der WM 1 – Das Testspiel

La bandiera sul balcone:

Die mediale Rüstung Italiens hatte bereits vor dem eigentlichen Anpfiff der diesjährigen Fussballweltmeisterschaft ganze Arbeit geleistet. So wurde schon mindestens zwei Monate im voraus damit begonnen, in „seriösen“ Talkrunden mit berühmten „Fussballexperten“ (meistens sehr beleibte Männer in teuren Anzügen und lächerlichen Brillen) bzw. Slow-Motion-Endlosschleifen der Tore aus der vergangenen WM (mit heroischen Balladen und den erstickten Siegesschreien der Kommentatoren und Tifosi unterlegt) das Volk einzuschwören.

In unserer WG hätte dies um ein Haar zur ersten großen Krise geführt. Dabei hatten wir erst noch freundschaftlich über die beidseitigen Vorurteile hinsichtlich der Stärken, Schwächen und zwangsläufig davon abgeleiteten Mentalitätspöbeleien der Massen gescherzt:

„Ihr Deutschen seid groß, kantig und rauh! Ihr walzt alles platt! Könnt nur mit hohen Bällen was anfangen und würdet wegen eurer Disziplin sowieso alles tun…!“

„Und ihr seid eitle Muttersöhnchen mit Haarnetzen! Lasst euch bei jedem Windzug auf dem Boden fallen, um nicht wieder aufzustehen! Wuselt meistens so lang im Feld herum, bis der Ball irgendwie im Tor landet und beleidigt andere Mannschaften…!“

Es war alles gesagt und dabei wollten wir es eigentlich auch belassen. Doch das Schicksal hatte an diesem Abend anderes im Sinn: Der italienische Propagandaaparat zeigte, als wolle er unseren soeben bewarrten Völkerfrieden unterwandern, in voller Länge die noch immer nicht ganz verdaute Partie Deutschland-Italien aus dem zurückliegenden Halbfinale.

„Voi siete tedeschi, non sapete che cosa significa essere patriotico!“ (“Ihr seid Deutsche, ihr wisst nicht was es bedeutet, patriotisch zu sein!“)

Das erwiederte unsere, nun plötzlich fiebrig vor dem Fernseher wie ein Flummi auf und ab springende Mitbewohnerin, während wir versuchten, sie mit kleinen Sticheleien aus ihrem tranceähnlichem Zustand zu erwecken. Uns gefiel diese Bemerkung, denn sie traf absolut zu. Abgesehen davon, dass mir das stolze Fahneschwenken und Hymnensingen schon immer unverständlich war, wollte ich mich auch nie in den Chor mit jenen deutschen Patrioten einreihen, die außer diesem Stolz in irgend einer dumpf-mümmelnden Form Luft zu machen, nichts weiter fertig bringen.

Die gesamte Situation erschien uns paradox: Wir schauten die Wiederholung eines vier Jahre zurückliegenden Spieles, dessen Ausgang uns allen nur zu gut bekannt war, sich geradezu eingebrannt hatte in unser Gedächtnis, und fanden es daher auch mehr als überflüssig, irgendwelche Parteilichkeiten an den Tag zu legen.

Und dennoch – teils aus kaltblütiger Provokationslust, teils aus dem fraglosen Verschmelzen unserer Mitbewohnerinnen mit den „Azurros“, die nun 13:2 gegen uns anrannten – stichelten wir weiter. Wir begannen jedes Fallen eines Blauen mit „simulazione“ (Schwalbe) und jeden Deutschen Ballkontakt mit „forte“ (stark) und „pericoloso“ (gefährlich) zu kommentieren. Wir schafften uns richtig rein in das Fangepöbel. Gegen Ende der Partie überschritten wir dann die Grenzen, als wir auch noch für die geschlagenen Franzosen Partei ergriffen und sagten:

„Eurer Fussball ist wie eure Politik: regelwiedrig und respektlos. Materazzi ist das beste Beispiel dafür!“

Bam, das hatte gesessen. Schon waren wir mitten im letzten Finale, es folgte eine ausgiebige Reihe von Flüchen:

„Die Franzosen und Zidane sind doch selbst daran Schuld! So kann man sich nicht in einem Finale benehmen! Er ist doch mit dem Kopf durch die Wand gegangen!“

„Aber Materazzi hat seine Mutter beleidigt!“

Bei dieser Entgegenung mussten wir uns zusammennehmen, um nicht bereits hier, dem sich stark aufdrängenden Reflex nachzugeben und in Lachen auszubrechen. Doch wir brachten es fertig und hielten die Rolle aufrecht.

„Das hätte Materazzi nie gemacht. Er hat nach der WM in einer Talkrunde weinend gesagt, dass er seine Mutter verloren hat. Das würde er nie tun!“

Nun wär es an dieser Stelle, und vor dem Hintergrund eines fast einjährigem Italienaufenthaltes, vielleicht klüger gewesen die Reißleine zu ziehen. Unsere Mitbewohnerinn war aufgesprungen und bebte zornig, aber wir waren bereits im Blutrausch und setzten hochprozentig noch einen drauf:

„Oh der Ärmste, er hat in der Talkshow geweint!“

Das war zu viel. Zumindest für den Moment. Es wurde sehr laut. Wir verstanden zum Glück nicht alles, da sie in ihrem Zorn in kalbresischen Dialekt abrutschte, dennoch zogen wir es vor das Zimmer für kurze Zeit zu verlassen.

In der Küche blieben uns nun einige Minuten der Besinnung. Erstaunlich war, dass wir nach kurzem Resümieren entdeckten, dass unsere vom Sommermärchen gefärbten Erinnerungen an das deutsch-italienische Spiel nach vier Jahren die ein oder andere Einzelheit kaschiert hatte. So waren wir überzeugt gewesen, dass das Ergebnis im Hinblick auf die Spielqualität der Italiener absolut nicht gerechtfertigt war, dass vielmehr unlautere Methoden, wie Schwalben und gar ein unrechtmäßig vergebener Strafstoß, das Spiel entschieden hätten. Dies traf natürlich nicht zu. Italien schoß kurz vor Ende des Spiels zwei wunderschöne Tore. Sie haben verdient gewonnen und wir stießen wenig später mit unseren Mitbewohnerinnen darauf an. Dennoch: Dies war erst der Anfang. Und ich bin gespannt, ob wir in knapp 6 Wochen noch immer hier wohnen werden.

zur Erinnerung allein der italienische Kommentator ist es wert, sich das Ganze nochmal anzuschauen:

WM2006 Halbfinale: Deutschland – Italien – MyVideo