Aus-Züge 1 – Das Metrotagebuch

Zug der blauen Metrolinie (B), nachts und leer

In dem Moment, in dem die Metro einfährt, ein Foto machen vom Fahrer. So wie er dasitzt, in dieser kalt leuchtenden Zelle und in das Dunkel blickt. Am Kopf eines weißen Wurms, der sich dröhnend und kreischend durch die Gedärme Roms schlängelt.

Stazione Arco di Travertino (A)

Ich versuche den Lautsprechern im Schacht zu entkommen, aus denen Fetzen süßer italienischer Hymnen durch die geöffneten Metrotüren hinein schwappen. Meine Ohren sind längst zuckerkrank. Werde vielleicht ab jetzt immer Insulin in Form von Kopfhörern mitführen müssen.

Stazione Colli Albani (A)

…“I did it my way“ Die Melodie scheint mich hier zu verfolgen. So seltsam, wie ein bestimmtes Lied, einmal angespielt, plötzlich in tausendfachem Echo wiederhallt. Gerade spielten es zwei Akordeonisten in der Metro. Der Ältere, vielleicht 18, und sein kleiner Bruder mit einer Atrappe, die fast so groß ist wie er, an der er schwankend die Bewegungen der Bahn ausbalanciert. Die Musik fährt vorüber, als wäre sie selbst ein Zug. Zwei Haltestellen weiter und sie ist nicht mehr zu hören.

Stazione Termini – 09.00 Uhr (Rushour)

Noch am Bahnsteig, die Fahrgäste hinter der gelben Linie wie zu einer Front ausgerichtet, ein wuchender Garten zur Hecke zurechtgestutzt, alles durch den Rückspiegel des Metrokapitäns geschossen. Diese Masse an Hälsern und Köpfen, die sich hier wie auf ein Zeichen unter dem Alarm der aufspringenden Türen hineinstürzt und der finstere Blick des Kapitäns im Spiegel, weil sie wissen, dass sie nicht alle hinein passen, weil sie vom nackten Entsetzen gepackt, noch bevor irgendwer den langen weißen Körper verlassen kann, hinein drängen, stoßen, rämpeln, um nur nicht vor den Türen zu bleiben, als hätte jemand den Bahnsteig angezündet, als würde nach diesem einen Zug nur noch das Schwarz des Tunnels bleiben. Mit ihren Sonnenbrillen, den großen funkelnden Markenzeichen seitlich an den Bügeln, ein Visier, das wie ein Bildschirm das Geschehen zurückwirft, hinter dem sie unter der Erde komplett verschwinden können, um nicht sichtbar zu sein und nicht sehen zu müssen, verpackt in seltsame mit Daunen gefütterte Lackjacken, die chemisch zu glitzern beginnen, glänzendes Haar, als kämen sie gerade aus einem Meer und der Geruch von Gärten und Schweiß, die nun ineinander fallen und auf der Zunge zu kratzen beginnen, das alles wird den Kapitän wieder aufhalten, den Fahrplan durcheinander bringen, warum nehmen sie nicht einfach den nächsten Zug in einer Minute. Keine Zeit, in Rom, unter der Erde.

Stazione Repubblica (A)

Dann der Junge Typ, mager, schwitzend, mit schattigen Augen, der mich kurz hinter‘m Termini auf Englisch anspricht und erzählt, dass er drogensüchtig war, noch ein wenig Gras rauche, Geld für einen Schlafplatz braucht.

Stazione Bologna (Linie B)

Ein Mann im Anzug, grau, darunter ein violettes, steifgebügeltes Hemd. Er ist ebenso steif in diesen Anzug gezwängt, als hätte ihn seine Mutter gleich darin aus dem Bett gehoben und mit aufs Bügelbrett gelegt. Plötzlich bricht es aus ihm heraus und er beginnt, wie wild auf dem Griff seines Handkoffers zu trommeln. Bei dem Krach, den seine Schläge im Metrotunnel verursachen, zuckt er selbst zusammen und das Solo bricht sofort wieder ab.

Sta­zio­ne Cipro (Linie A)

Ein viel­leicht drei­jäh­ri­ges Kind auf dem Arm sei­nes stol­zen Va­ters, der ihm un­nach­gi­big die Un­ter­welt er­klärt. Man müss­te wie die­ses Kind Metro fah­ren kön­nen. Mit gro­ßen Augen und alle Sinne weit ge­öff­net, um diese ei­gen­ar­ti­ge Reise unter der Erde rich­tig wahr zu neh­men. Alles be­rüh­ren, auf­neh­men, schme­cken. Hin­ter allem eine neue Welt ver­mu­ten. Doch am Ende der Fahrt wird wohl auch das Kind, wie alle An­de­ren, sein In­ter­es­se an den Din­gen ver­lie­ren und ihm die blin­den Namen geben, die sein Vater ihm wie Gift ins Ohr säu­selt.“

mp3: Geiger in der Metro (A) Porta Furba Richtung Termini