Glaube 2 – Das neue Rom


vatikanische Museen

„In seinem Eifer, sich nützlich zu machen, und in dem Drang, seine Überzeugung aller Welt zu verkünden, setzte sich Pierre eines Morgens an den Tisch und schrieb ein Buch. Das hatte sich ganz natürlich ergeben. Dieses Buch war ein Aufruf seines Herzen, jede literarische Absicht lag ihm fern. Eines Nachts, als er nicht schlafen konnte, war der Titel plötzlich in der Finsternis vor ihm aufgeflammt: >Das neue Rom< . Das sagte alles, denn musste nicht von Rom, dem ewigen, heiligen Rom, die Befreiung der Völker ausgehen?" (Emile Zola – Rom)

„Wenn meine Oma wüsste, dass ihr nicht getauft seid, dann würde sie sofort hier her kommen und euch in die Kirche schleppen.“

Vor zwei Jahren entschied sich meine Mitbewohnerin zu glauben. Sie betet jeden Tag den Rosenkranz, geht Sonntags zur Messe, bekreuzigt sich vor jeder Mahlzeit und isst vor Ostern für 40 lange Tage kein Fleisch. Meinerseits müsste ich wohl ähnliches erwidern, denn auch meine Oma würde mit missionarischen Absichten hier erscheinen. Allerdings hielte sie eine Zigarette anstelle des Kreuzes in der einen und in der anderen Hand eine gebundene, sehr alte Ausgabe des „Kapitals“. Das imaginierte Aufeinandertreffen der beiden Damen könnte man wohl getrost als Krieg der Welten bezeichnen, wobei zumindest die Sprachbarrieren den Frieden wahren würden. In Krisenzeiten, wo ganze Staaten zu verschwinden drohen, scheint auch die italienische Masse eines der großen Werke wieder aus dem Regal zu nehmen, um Argumente dafür zu finden, das Andere weiterhin dort belassen zu können.


„Es war höchste Zeit, die unausweichliche, furchtbare Katastrophe, den Bruderkrieg der Klassen abzuwenden, der die alte Welt hinwegraffen würde, die dazu verurteilt war, unter der Last ihrer Verbrechen zu verschwinden.“
(Zola)

Meine Skepsis richtet sich im Allgemeinen bei unseren Gesprächen in der Küche nicht gegen einen Glauben. Die paar Jahre an einer modernen Bildungseinrichtung mit praktischem Profil reichten bereits aus, eine gesunde Abneigung gegen den Post-postmodernen Splitterfanatismus, der auch noch die kleinste Einheit zwischen Innen und Außen durch Wirtschaft, Wissenschaft oder Kunst zertrennen will, zu entwickeln. Ich will weder in das Lager der demonstrativ Leidenden, noch in jenes derer, die sich vor diesem Hintergrund eher für das Leid-Zufügen entscheiden. Was aber bleibt da noch übrig? Revolutionärer Kampf? Kirche? Einsiedlertum?

Man kann es auch knapper mit Pessoa formulieren: Ich hatte immer mehr Misstrauen den Menschen gegenüber als den Göttern. Vor allem aber richtet sich mein Misstrauen gegen jene, die sich, durch eine öffentlich geradezu bestürzend inszenierte Frömmigkeit, ihr eigenes Homo-Mensura jenseitig legetimieren lassen, um es fortan gegen alles Lebendige auf diesem Planeten (Mensch wie Tier) einzusetzen. Jene, die einen jenseitigen Glauben postulieren und sich zu einer weltlichen Macht erheben wollen. Rom ist da historisch betrachtet natürlich ein Paradebeispiel. Warum also die Kirche? frage ich mich und meine Mitbewohnerin.

„Ich bin Kommunistin und Gesú (Jesus) war vielleicht der erste wahre Kommunist. Für mich ist der Glaube die eine, die Kirche die andere Sache. Der Mensch ist fehlerhaft, auch die Kirche. Aber es macht mich rasend, dass man an Berlusconi Hostien austeilt.“


Vor den Türen des Gottesstaates, direkt neben dem Petersplatz

An der Stelle würde meine Oma sicherlich interessiert aufhorchen. Es kann (soweit mag meine Kenntnis des neuen Testaments noch tragen und ohne jetzt eine grundlegende Debatte zu führen, was Kommunismus in seinen Grundzügen bedeutet) gar nicht so abwegig sein, Jesus als kommunistischen Prototypen heran zu ziehen: Er war arm und das Wenige, was er besaß, teilte er mit jedem, den er traf. Das ist jedoch im Allgemeinen eine Eigenschaft, die die meisten Propheten an den Tag legten, bevor sie zu solchen erklärt wurden. Auch der christliche Gedanke einer Gütergemeinschaft im ursprünglichen Zustande, als alle Menschen zu gleichen Teilen von Gott die Erde empfingen, ist vielleicht das kommunistischste Konstrukt überhaupt hinsichtlich der Klärung der Verteilungsfrage. Ungleich schwieriger ist natürlich die Umsetzung dieser in der weltlichen Praxis vor dem Hintergrund, dass nicht nur Raum und Ressourcen begrenzt sind, sondern auch nicht alle in den Vertrag mit eingeschlossen werden können. Ich bezweifle stark, dass ich mit dem Satz „Gott gab mir dieses Land genau wie unserem Papa“ an den Schweizer Garden vorbei marschieren und mein Lager fortan innerhalb der vatikanischen Mauer aufschlagen könnte.

Wie wir sehen fielen die Umsetzungsversuche beider großer Werke in Theorie und Praxis stets auseinander. Der Plan eines Weltchristentums scheiterte, ebenso wie der Traum von der großen Revolution. Aber der gegenwärtige Entwurf, stürzt uns als Nachwehe einer neuen vor Jahrhunderten im wilden Westen auf freiheitliche Prinzipien gegründeten Welt ebenfalls in die Krise. Wohin also blicken? Zurück. Nach oben, unten, vorne? Was passiert jetzt? Worauf lässt sich bauen?

Nun, es steckt noch immer sehr viel Glaube in Rom. Mitten in den Straßen, zwischen Autos auf Verkehrsinseln, findet man plötzlich Kerzen und Blumen vor Heiligenbildern, in Abständen von einer Woche etwa klingeln zwei ältere Frauen der Zeugen Jehovas bei uns, um meine Mitbewohnerinnen zu erwecken. In Bussen werden junge Mädchen von älteren Damen gebeten, ihre Blöße zu bedecken, zum Leidwesen der frisch beflaumten, glatt gestriegelten Halbstarken, die auch im Sommer ihre daunengestopften Lackjacken tragen und pausenlos mit ihren Handys Fotos machen. Nicht selten schreiben die Hände nach dem alltäglichen und wie ein Echo in der überfüllten Metro von Mund zu Mund wandernden „O dio!“ ein Kreuz vor die Brust. Es gibt ihn also auch in der Hautstadt, doch gerade hier ist der Mensch zerrissen. Auf den höchsten staatlichen Ebenen scheinen sich noch immer, wie es schon Zola beschrieb, die Weißen und Schwarzen gegeneinander behaupten zu wollen. Auf der einen Seite jene, die weder Gebote noch Gesetze achten, verschanzt in Palästen und gepanzerten Limousinen, andererseits die, die, ebenfalls in Palästen sitzend, den Glauben auslegen, beten und das Dogma predigen. Beide Welten getrennt voneinander durch eine Mauer bewacht von der jeweils eigenen Armee. Und doch fließen diese Universen anhand von Machtfragen notgedrungen ineinander, die einen werden in den Reihen der anderen durch gewisse Entgegenkommen geduldet, sie schließen einander nicht aus, sie sind genauso zerrissen wie das Volk, das vor den Palästen steht.


„Lasst die Kinder zu mir kommen!“ Streetart-Kritik an Papa Ratzinger von Urka.

Der interessanteste Glaube, die Mystik und die Wunder, ereignen sich meines Erachtens jedoch in den ländlichen Gegenden. Meine Mitbewohnerinnen kommen aus Kalabrien, der Stiefelspitze tief im Süden. Das ist von Rom aus betrachtet eine andere Welt. Die Menschen sprechen Dialekt, wobei es für uns nach einer völlig anderen Sprachen klingt. Die Wörter werden weder akzentuiert noch beendet. Es wird verbunden, leidenschaftlich nuschelnd, als hätten sie nicht nur ständig den Mund voll, sondern würden sich während des Kauens unterhalten und ihn daher stets nur einen winzigen Spalt weit öffnen können. Die Städte sind klein, 5000 Einwohner. Das Leben ist ruhiger. Man kauft das Fleisch beim befreundeten Schlachter und auch der Käse wird direkt vor den Augen geschnitten. Es gibt nicht viel zu tun. Darum verbringt man viel Zeit mit Essen. Sehr gerne wird frittiert oder überbacken, im Zweifelsfalle beides. Es gibt keine Clubs, aber dafür „Un sacco delle chiese“ (einen Sack voller Kirchen). In den langen Sommernächten treffen sich die jungen Leute entweder auf einem Platz im Zentrum, oder sie laufen auf einem winzigen Promenadenstück am Wasser im Kreis bis ihnen die Augen zu fallen, denn sie wohnen daheim bei den Eltern und wollen die Zeit bis zur Heimkehr so weit es geht hinauszögern.

Genau dort in Städten wie Paula und Santa Lucido gibt es noch Erzählungen: z.B. die Grotte in der San Francesco di Paula, jener Heiliger, nach dem nicht nur unzählige Kirchen auf der ganzen Welt, sondern auch das deutsche Weißbier benannt ist, gelebt haben soll. Der Holzverschlag vor einem Brunnen gegen den der Leibhaftige mit seinen Hufen trat und der seitdem nicht zu reparieren ist. Die Windhose, die sich draußen vor der Küste Santa Lucidos abends zusammenbraut und nur verschwindet, wenn man sich mit einem Messer bekreuzigt. So sehr mir solche Überhöhungen von Orten und Naturereignissen auch gefallen, da sie den Menschen seiner egozentrischen Urheberschaft entheben und vor ein Größeres stellen, so bin ich doch weiterhin skeptisch, was vor Ort den institutionellen Schatten angeht, der stets die Erklärungen begleitet. Jeder Glaube, das ist meine private Auffassung, der sich in der Welt zu einer Institution auswächst, verliert seine Glaubwürdigkeit, da er sich, indem er behauptet, nun mehr irdisches Wissen zu sein und dieses gegenüber Anders- oder Nichtgläubigen durchsetzen zu müssen, selbst aufhebt. Ich halte mich dahingehend eher an meine Lesart von Hölderlins Dichtung und sehe die Aufgabe des Menschen in jeder Zeit darin, privat und für sich eine neue Mythologie aus der Natur, der Geschichte und der Gesellschaft zu synthetisieren.

Am Ende bliebe also das Modell des Einsiedlers übrig, denn scheinbar hat uns die versuchte (Re)Fusion von Kirche und Gütergemeinschaft, die nach Zola im jungen Amerika die besten Früchte trug, in die Krise geführt, die wir gerade heute als Geiseln der „entgrenzten“ Freiheit zu spüren bekommen. Doch so wie der Mensch aus meiner Sicht als der ewig dissonante Akkord unter anderen dissonanten Akkorden – in denen Wissen, Glauben und Handeln zu gleichen Teilen ihre Stimme erheben und einen grausamen Chor produzieren, betrachtet werden könnte – fühlt er sich gleichsam gezwungen, dieses Lied zu einer halbwegs erträglichen Melodie zu optimieren. Hiermit fiele nun aber ebenfalls der Einsiedler weg.

Mein persönliches, neues Rom würde mit der Gründung der 3. Republik, der Inhaftierung des Premiers mitsamt aller seiner Familien und dem Öffnen des Gottesstaates für alle die, die krank und hungrig an seinen Toren die Nächte bettelnd verbringen, beginnen…

So hatten es die Kinder gehört, und wohl
Sind gut die Sagen, denn ein Gedächtnis sind
dem Höchsten sie, doch auch bedarf es
Eines, die Heiligen auszulegen. (Hölderlin, Stimme des Volkes)