Von meinem Integrationsproblem

Nach einem Jahr in Rom kehrte ich zurück in die kleinste Großstadt Deutschlands. Ich war etwas ängstlich, das muss ich zugeben. Obwohl man immer denkt, die Welt dreht sich überall dort, wo man gerade nicht zu Hause ist, mindestens doppelt so schnell, hatte sich dort jedoch nicht allzu viel getan. Es standen die gleichen Leute vor‘m Hauptbahnhof, mit Flaschen in der Hand, als würden sie nur auf den nächsten Zug warten. Auch die kantig-graue Nachkriegsarchitektur, die im Zentrum und der Peripherie mit ein paar historischen Fachwerkbauten gesprenkelt ist, hatte sich nicht bewegt.

Mich empfingen die gleichen rauchig braunen Gesichter, die wie angegangenes Fallobst trostlos in den Bussen umherschaukelten. Das Mädchen, das erzählte, dass ihr Freund nach Afghanistan müsse, sie dann aber für die Zeit, in der er weg ist, wenigstens das Auto nutzen könnte. Und während draußen Casinos, Wettbüros und Bestattungsunternehmen vorüber zogen und ich erfuhr, dass sogar in eine der Studentenbars ein Bestatungsunternehmen gezogen ist, dachte ich, stark verwundert über mich selbst: Wie schön wieder hier zu sein.

Dabei gab es durchaus schwere Momente des Loslassens. Als ich z.B. mit dem Nachtzug um 6 Uhr in der Frühe das klitschnasse, halberfrorene München erreichte und man mir für 2,50€ scheinbar das gleiche graue Wasser, das draußen unaufhörlich aus dicken Wolken in die traurige Landschaft prasselte, als „Kaffee“ in eine Tasse filterte. Da fühlte ich mich kurz versucht, sitzen zu bleiben und mit dem selben Express direkt über den Brenner zu flüchten. Zurück in das Land, in dem gerade erst die schönste Jahreszeit begann und „il café“ ölig und konzentriert aus der machinetta sprudelte, um das Herz auf 3000 Umdrehungen zu beschleunigen. Aber selbst diese frühe schmerzhafte Erfahrung mit einer der grausamsten deutschen Unsitten hinderte mich nicht diesem wärmenden Gefühl noch etwas nachzugeben, während sich das Altbekannte geradezu festlich vor mir ausbreitete. Mehr noch, ich war sogar bereit zu einer Geste des Friedens. Ich war bereit all das großbürgerlich Deutsche, das mich vor einem Jahr aus dem Land getrieben hatte, zumindest für diesen einen Moment zu umarmen, spürte ich doch, dass irgendwo dort auch etwas kleines von mir selbst schlummern müsste, an das ich mich in der Ferne hin und wieder gern erinnert hatte.

Was mich allerdings in dieser Bewegung, sehr schnell straucheln ließ, war der Eindruck, dass etwas sehr Unangenehmes an meinen Schuhen klebte. Kaum hatte ich die Alpen überquert, redeten plötzlich alle von „dem Integrationsproblem“. Ich war irritiert und fragte immer wieder interessiert nach, wer denn hier nun wen, wie und wohin überhaupt integrieren sollte. Aber anstatt über eine Antwort ernsthaft nachzudenken, pöbelten mir die Einen etwas von europäischem Wertebewusstsein in die Ohren, während die Anderen von ihrer tief-sitzenden Angst gegenüber dem Islam berichteten. Ich dagegen war sprachlos, denn ich fühlte mich an Berlusconis mediales Expertenlager erinnert. Und auch daran, dass ich meinen römischen Mitbewohnerinnen stets versicherte, dass die fremdenfeindlichen Stammtischparolen à la Calderoli, Maroni, Bossi oder vom Cavaliere selbst, zumindest in der deutschen Politik nicht möglich wären. Und jetzt zeigten sich bei meiner Rückkehr plötzlich alle recht zufrieden damit, dass man, dank der öffentlichen Hetzschrift eines fundamental „demokratischen“ Rassisten aus der „europäisch aufgeklärten Mitte der Gesellschaft“, dieses „schwierige Thema“ endlich einmal unter sich geklärt habe.

Ich fühlte mich wieder unglaublich fremd und dieses Gefühl intensiviert sich täglich. Wenn jetzt in der wachsenden „neuen Mitte“ Europas Beifall geklatscht wird, möchte ich für meinen Teil versichern, dass ich nicht zu dieser „aufgeklärten Mehrheit“ gehöre und mich gegen jeden ihrer Integrationsversuche wehren werde.

Portrait 3 – Fausto Delle Chiaie

Zeichnung: pheonemy

Ich stehe im Zentrum Roms auf einem weiblichen Unterleib, an dessen rechtem Fuß ein Damenschuh mit Absatz liegt. Auf dem Gebiet des ehemaligen Marsfeldes wirft das Ara Pacis Museum, ein weißer Würfel aus Marmor und Glas, gnadenlos das Tageslicht zurück in die angrenzenden Gassen, vor vier Jahren wurde es von Richard Meier wie eine Schutzhülle über das antike Denkmal, die Wurzel Roms, gestülpt. Das massive Relikt des über 2000 Jahre alten, bunkerähnlichen Friedensaltars zum Gedenken an Augustus siegreiche Feldzüge und die erste lang anhaltende römische Waffenruhe, wurde vom Senat um 13. v. Chr. errichtet. Das, was dort zusammengetragen, an den Wänden hängt, auf Podesten ruht und sich über Leinwände bewegt, erzählt von der größten Zeit Roms. Das Reich im Zenit seiner Macht. Seitdem ist die Geschichte der ewigen Stadtdie eines Verfalls.

Der weibliche Unterleib ist mit Kreide auf den Boden gezeichnet. Daneben auf einer kniehohen Mauer steht ein Pappschild mit dem zweisprachige Titel: „Mezza nuda – Half naked.“ Ich stehe mitten in Faustos Atelier. Entlang der Mauer, die das Augustusmausoleum begrenzt, erkenne ich eine ganze Reihe kleiner Gegenstände mit dazugehörigen Pappschildern. Eine runde Messingmünze ist auf ein Frühstücksbrett genagelt mit dem Titel: „una moneta disgraziata – a poor coin.“ Dann unter Wasser in einer Tupperdose: zwei Steine auf die Gesichter gemalt wurden: „Nacisi – Narcissus“. Und ein aufgeschnittenes Fahrradschloss am Zaun hinter der Mauer, davor das Schild „Era bella – it was beautiful.“ Am Ende der Mauer holt ein älterer Herr kleine Gegenstände aus einem blauen Handwagen, um sie dort zu postieren. Erst jetzt begreife ich, dass ich mich wieder in einer Ausstellung befinde.
Das alles hierist Rom, aber es muss auch in seinen kleinsten Details gezeigt werden. Ich habe mir diesen Platz vor 20 Jahren ausgesucht, weil er zentral liegt , aber trotzdem keine Einkaufstraße ist.

Schau mal, dort steht ein Museum und hier (er zeigt auf das Augustusmausoleum) wollen sie ein zweites großes Museum bauen. Um zwei Brocken römische Geschichte, werden nochmal zwei Brocken herum gebaut. Diese kleine Straße ist meine Vorstellung von einem traditionellen Museum, an der freien Luft, für jeden zugänglich. Ich spiele mit Fundstücken, Dingen, die, die Menschen aufgegeben haben, die Niemandem mehr gehören, um zu zeigen, was Rom ausmacht. Hier sieht man die vielen Gesichter der Stadt; kleine Einfälle über Situationen, Verhalten, das, was Rom und seine Bewohner bewegt.

Während Fausto zu reden beginnt, hat er bereits ein kleines Porträt von mir auf die Rückseite eines seiner Pappschilder gemalt.

Hier, das ist die Eintrittskarte zur heutigen Ausstellung. Normalerweise funktioniert es so, dass ich die Gegenstände, die ich in der Stadt finde erst einmal mit nach Hause in mein Archiv nehme. Ich nenne es: meine Seele. Dort sind meine gesamten Arbeiten, alle meine Werke und ihre Orte dokumentiert. Ich habe in Straßen und auf Plätzen in Sizilien, Frankreich, in Belgien, Irland und Deutschland gearbeitet. Da haben sich eine Menge Sachen angesammelt. Wenn sich eine Idee ergibt, platziere ich sie hier in meinem Museum all‘ aperto (Freiluftmuseum) am Ara Pacis. Einige dieser Ideen sind seit 20 Jahren im Repertoire, andere verändere ich und dann kommen immer auch Neue hinzu. Es gibt keinen Tag, andem die Austellung sich wiederholt, denn nicht nur die Exponate, sondern auch der Ort und natürlich die Besucher haben Teil am Prozess, sind selbst wesentlicher Bestandteil der Ausstellung. Manche Werke werden z.B. durch den Regen besser, andere werden zerstört. Die Leute schauen, reflektieren, machen sich die Arbeit bewusst. Ein Satz oder ein Kommentar und das Werk verändert sich. So ist das.

Fausto bewegt sich pausenlos wie an einem Pendel vor mir, die Haare wirr im Gesicht und eine Unruhe, ein Flackern, unter der dickglasigen Brille. Das alles scheint auf eigenartige Weise nicht zu dem älteren Herren zu passen, den sein Sakko, die etwas gebeugte Haltung und der graue Glanz in den Haaren aus ihm macht. Als stecke in ihm ein Wille, der sich, mit der eigenen Form, in die er gezwungen wurde, nicht zufrieden geben will. Alle notwendigen Arbeitsprozesse und Rollen einer Ausstellung vereint er in Personalunion. So ist er Direktor, Kurator, Künstler, Schatzmeister, Kritiker, Konstrukteur und sogar selbst Teil der Kunstwerke. Gerade stolpert ein Betrunkener durch die Gasse und bettelt um ein paar Euro für Brot. Fausto schlüpft für einen Augenblick in die Rolle des Wachpersonals. Nein, geh weiter. Stör die Leute nicht. Ich hab es dir schon hundertmal gesagt. Gib ihm nichts, er kommt sonst jeden Tag und stört die Ausstellung!

Es wirkt tatsächlich, als ob mehrere Stimmen aus diesem Körper sprechen, verschiedene Personen, verbunden über einen sprunghaften Verstand, der, während er hastig die eigene Arbeit erklärt, bereits neue Ideen entspinnt und umsetzt.

Weißt du, das alles hier ist Rom. Vielleicht auch Italien. Man kann es in den kleinen Dingen sehen. Aber nicht im politischen Sinne. Ich politisiere nicht mit meiner Kunst. Meiner Meinung nach hat Politik in der Kunst nichts zu suchen. Wenn du versuchst als Künstler über dein Werk Einfluss zu nehmen, hast du etwas falsch gemacht. Früher habe ich gemalt. Deutsche Expressionisten haben mich sehr beeinflusst. Ich war zwei Jahre in Brüssel, in Limerick Nordirland und in München und habe dort begonnen, wie hier im Freien zu arbeiten. Langsam haben sich auf diesem Weg die Objekte immer mehr gegen das Zeichnen durchgesetzt und so arbeite ich heute mit den Materialien, die die Stadt mir bietet. Sie werden zurückgelassen und für die Leute unsichtbar.

Während Touristenkolonnen mit Bauchtaschen und Safarihüten an Faustos Mauer vorbeimaschieren, verschwindet der Künstler. Er wird selbst Teil seiner Arbeit. Er posiert an der Außenfassade des Ara Pacis Museum, dort wo die „Res Gestae Divi Augusti“ der Rechenschafftsbericht Augustus‘ in großen Lettern, von den göttlichen Taten des ersten römischen Kaisers berichtet. In starrer Haltung wie ein Soldat, als hätte er den weißen Block in seinem Rücken zu verteidigen. Das Werk heißt „doppione“, „Doppelgänger“, denn der Künstler ist in exakt der gleichen Haltung vor dem gleichen Hintergrund auf einem Foto zu sehen, das ein kleiner Rahmen auf der Mauer zeigt. Hier fallen Werk und Ort selbst für den, der sich müde vom Museum vorbei schleppt, greifbar ineinander. Dem Betrachter wird der Spiegel vorgehalten und es formulieren sich die Fragen, die das Konzept der Ausstellung paraphrasieren: Wo ist Kunst? Wann ist Kunst?

Als Jugendlicher war ich Straßenkünstler in Rom. Ich habe gezaubert, jongliert, kleine Kunststücke und Illusionen vorgeführt. In den 70er Jahren habe ich damit aufgehört. Ich wollte Künstler werden. Seit ca. 1980 arbeite ich mit Objekten, aber die Gegenstände sind für sich noch nicht das Werk. Der Gedanke formt den Gegenstand und schließlich verwandelt er sich in das Werk. Der Titel ist dabei genauso entscheidend wie der Ort. Es kommen hier also mindestens vier Sachen zusammen. Das Material. Die Idee. Der Raum und natürlich der Besucher. Lange Jahre habe ich hier die Kommentare der Gäste in kleinen Heften gesammelt. Inzwischen sind daraus mehrere Bücher entstanden. Ich habe sie in meinem Archiv und gab ihne den Titel „Res Publica“. Das bezieht sich natürlich auch auf den Ort der Arbeit und die „Res Gestae“. Es ist quasi eine Antwort des Volkes. Wobei ich mich hier nicht mit Augustus vergleiche. Verstehst du?

Während Fausto über seine Arbeit spricht, fallen keine kunstkritischen Kraftausdrücke wie Readymade, Objet-Trouvé oder heiligeNamen wie Duchamp, Schwitters, Beuys. Er redet davon, dass der Titel entscheidend für seine Werke sei, weil er die Idee transportiert, die der Besucher mitnehmen kann und dass er von morgens bis abends an diesem Platz steht, um seine Werke zu präsentieren, seit 20 Jahren. In den Reflexionen seiner Arbeit durch bekannte italienische Kunstkritiker dagegen, in dem frisch erschienen Buch: „Fausto Delle Chiaie Làrte? Rubish!“ schöpfen die Akademiker nach Herzenslust aus ihrer reichen Begriffspalette und überbieten einander an Hypotaxe. Dabei wirkt es, als würde Fausto und seinem museo all‘aperto damit, ebenso wie es Meier mit dem Ara Pacis tat, eine Hülle verpasst, etwas übergestülpt, das uns von ihm entfernt, ihn entfremdet, das sich an seine Stelle setzt.
Il lavoro esposto viene a fine giornata inserito nel carrello e riproposto il giorno successivo.
Am Ende des Tages werden die Ausstellungsstücke in einen Handwagen gesteckt und am nächsten Tag wieder ausgestellt.

Auszug aus Faustos Manifest und Bidler

1#
„Questa non è una trasmissione televisiva.“
Ceci n’est pas une emission de television.
Das hier ist keine Fernsehsendung.

2#
„I non vedenti non pagano e sono perfino troppo.“
Die Blinden zahlen nicht und es gibt sogar zu viele von ihnen.

3#
„Questa può sembrare per alcuni addetti ai lavori una installazione ma non le è.“
Für Einige, die in der Kunstwelt arbeiten, mag das wie eine Installation aussehen, aber es ist keine.

4#
„Gli oggetti qui sono in sinfonia con lo spazio esterno che li contiene. E si fondono con il messagio dell‘opera.“
Die Objekte hier stehen, bilden eine Harmonie mit dem Raum, der sie umgibt und der einzelnen Botschaft der Werke.

5#
„Il visitatore inconsapelvolmente intereagisce su alcune opere.“
Der Besucher interagiert auch unbewusst mit jedem Werken.

6#
Non chiedete nessuna autorizzatione all‘autore per foto-filmatie a altro lui e solo il curatore.
Frage den Künstler nicht nach Erlaubnis für Fotos, Unterschriften oder ähnliches, er ist nur der Kurator.

7#
„La pioggia migliore alcune opere.“
Der Regen verbessert einige Austellungsstücke

8#
„Questa agenda se smarrita recapitela presso il Museo Dell‘Ara Pacis.“
Dieses Notizbuch wurde verloren, bitte geben Sie es zurück an das Ara pacis Museum.

Bilder:

Es war schön!

Fausto delle Chiaie

Links:
http://it.wikipedia.org/wiki/Fausto_Delle_Chiaie
http://www.flickr.com/photos/eluniel/3300601899/

Mehr Bilder:
http://www.pbase.com/ribes/open_air_museum__fausto_delle_chiaie

Video-Portrait mit englischen Untertiteln:

ROBACCIA RUBBISH „Fausto Delle Chiaie“ from LIBRE TOIRE on Vimeo.

30 Jahre Stillstand

Seit 30 Jahren steht auf Bolognas Hauptbahnhof die Zeit still. Am 2. August 1980 explodierte um 10.25 Uhr eine im von Reisegästen überfüllten Wartesaal platzierte Kofferbombe und tötete 85 Menschen, 200 weitere wurden verletzt. Die Zeiger der Bahnhofsuhr haben sich seitdem nicht mehr bewegt. Erst 15 Jahre später sollten die Urteile des Kassationsgerichts gegen Verantwortliche des Attentats folgen. Die Justiz arbeitete in den 90er Jahren die dunkle Geschichte der italienischen „Strategie der Spannung“ gegen erheblichen Widerstand und Sabotage aus politischen Kreisen auf. Die Ermittler stießen bei ihrer Arbeit auf geheime Netzwerkaktivitäten zwischen neofaschistischen Gruppierungen, dem europaweit agierenden Geheimdienst Gladio (CIA/NATO) und der Propaganda Due, die die erstarkende kommunistische Bewegung in den 70er und 80er Jahren in Italien bei der Bevölkerung in Misskredit bringen und dadurch an einer Regierungsbeteiligung hindern sollten.

Eine Reihe von Bombenanschlägen von 1969 bis 1984, mit gezielt zivilen Opfern, wurde schließlich der rechtsextremistischen Ordine Nouvo als ausführendes Organ dieses Netzwerkes nachgewiesen, wobei die Justiz bis in die 90er Jahre die „Roten Brigaden“ stets belastet hatte. (Die „Roten Brigaden“ waren eine militante, linksextreme Gruppierung, die sich Ende der 60er Jahre aus den Studenten- und Arbeiterbewegungen gegründet hatte und deren Stadt-Guerilla-Aktionen gegen wirtschaftliche und politische Entscheidungsträger, sowie vermutlich auch auf andere europäische linksterroristische Gruppierungen wirkten.)

Die Entführung und Ermordung des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten und DC- Politikers (Partito Democrazia Cristiana) Aldo Moro, der sich für den „historischen Kompromiss“ einer Öffnung der christlich demokratischen- gegenüber der kommunistischen Partei einsetzte, galt lange Zeit als Höhepunkt des Linken Terrors. Sie ist jedoch vermutlich, wie sich erst in den letzten Jahren herausstellte, ebenfalls als eine vom rechtskonservativen Lager instrumentalisierte und daher mit zu verantwortende Aktion zu bewerten. (Ein interessanter Beitrag des Deutschlandfunks über Hintergründe dieses Attentates gibt es hier)

Es kann und soll nicht Ziel dieses Artikels sein, links gegen rechts auszuspielen und die weiterhin hart geführten italienischen Lagerkämpfe weiter zu schüren. Es scheint offensichtlich, dass wenn man, auf verhärtete ideologische Vokabeln verweist, sehr schnell Grenzen in einem Dialog errichtet, die dann auf der Straße von ihren Anhängern mit Gewalt eingerissen werden. Dennoch muss unabhängig davon erinnert und darauf hingewiesen werden, dass sich eine Regierung der eigenen Geschichte zu stellen, sich zu bekennen und Konsequenzen aus der Vergangenheit für die eigene politische Ausrichtung zu ziehen hat.

Wenn man sich nun jedoch das gegenwärtige Kabinett des amtierenden italienischen Ministerpräsidenten anschaut, fällt auf, dass der überwiegende Teil der amtierenden Minister und viele Senatsmitglieder aus dem entlegensten rechten Flügeln stammen. Der Cavaliere selbst war Mitglied im Geheimbund „Propaganda Due“, dessen Logenführer Licio Gelli wegen Verwicklung in das Attentat von Bologna und aufgrund von Ermittlungsbehinderungen der Justiz verurteilt wurde. Diese politische Führung, obwohl sie sich damals aus den Trümmern der ersten Republik erhob, will sich nicht erinnern und will auch die Wähler so gut es geht davon abhalten. So hat man also das Gefühl, dass nicht etwa an einer Aufarbeitung und Bewältigung von Geschichte gearbeitet, sondern die alten, paranoiden Schreckgespenster einer drohenden kommunistischen Machtübernahme bis heute – so paradox es auch erscheinen mag – über alle medialen Kanäle der Regierung beschwört werden. Angst wird verbreitet, um im allgemeinen Schockzustand der Bevölkerung die Festigung der eigenen Macht voran zu treiben.

Egal wo der italienische Premier das Wort ergreift, sei es in Bonn bei der Tagung der Europäischen Volkspartei, in seinem eigenen Kabinett oder vor den Wählerschäfchen bei einer seiner politischen Volksfeste, er versäumt es niemals, daran zu erinnern, dass „die Kommunisten, Linken und Saboteure an die Macht kämen, um das Land ins Chaos zu stürzen, wenn die starke Rechte der PDL nicht wallten würde…“ So schützt man sich in der gesamten Führungsriege gegen das Erinnern und vor der Justiz. Diese Aussagen passen auch zu der gestrigen Erklärung des amtierenden Verteidigungsministers Ignazio La Russa, der selbst aus dem neofaschistischen Lager der MSI hervorgegangen ist, mit der er die Entscheidung der Regierung verteidigte, keinen Minister zur Teilnahme an der Gedenkveranstaltung in Bologna zu entsenden: „Ihr habt sie immer ausgebuht.“

Cäsars Schlacht gegen Rom

Der große Imperator lebt. Er ist wieder aufgetaucht, in einem Abhörprotokoll, das seit kurzem in den italienischen Medien kursiert. Die Staatsanwaltschaft hat in einem 15.000 Seiten umfassenden Bericht abermals ein weitreichendes Korruptionsnetz offen gelegt, das bereits kurz darauf durch seine enormen Ausmaße als P3 mit der ehemaligen kriminellen Freimaurerloge unter Licio Gelli Propaganda Due (P2) verglichen wurde. Einer der zentralen und durch die Justiz stark belasteten Figuren dieser Organisation, Wirtschafts-Staatssekretär Nicola Cosentino, reichte bereits seinen Rücktritt ein. Damit waren innerhalb eines knappen Monats abermals zwei Minister aus Silvio Berlusconis Kabinett gezwungen, das Amt niederzulegen. Für das Pseudonym „Cesare“, das in den Gesprächen der Protagonisten immer wieder ehrfürchtig fällt, scheint kaum ein anderer in Frage zu kommen als „il Cavaliere“, der ja auch bereits bei P2 erste Erfahrungen hinsichtlich elitärer Vernetzung sammeln konnte. Vor Cosentino war es Aldo Brancher, wiederum ehemaliger Arbeitskollege Berlusconis aus frühen Fininvestzeiten, den der Premier vor seinem Abflug zum G20 Gipfel nach Toronto im Alleingang kurzerhand zum Minister ernannte, um ihn – und sicher auch sich selbst – vor Untersuchungen der Justiz bezüglich eines Bestechungsskandals zu schützen, der nun verhandelt werden sollte.

Der bereits juristisch vorbelastete PDL-Koordinator Denis Verdini, der ebenfalls eine zentrale Rolle in dem neuen Netz aus Anwälten, Richtern, Beamten und Unternehmern spielt, lehnte es seinerseits ab, zurückzutreten. Er strengt nun vielmehr im Schulterschluss mit dem Premier einen weiteren Gesetzesentwurf an, der „die Privatsphäre aller Italiener endlich garantieren soll.“ Im Klartext bedeutet das nun natürlich ein ergänzenden Entwurf zum bereits vorliegenden, durch die Proteste von Opposition und Bürgertum vorerst gestoppten „legge bavaglio“, um die Abhörverfahren und das anschließende Veröffentlichen der Protokolle durch die Presse doch noch zu kriminalisieren.

Es ist erschütternd zu beobachten, wie diese Regierung auf Kosten des gesamten Landes alles unternimmt, um sich gegenüber der eigenen Rechtsprechung Immunität zu verschaffen. Ein Europa, in dem es Kriminellen möglich ist, sich durch ein politisches Amt sogar auf europäischer Ebene (wie z.B. Marcello Dell‘Utri, der nun hoffentlich bald seine Haftstrafe antreten muss) vor der Justiz zu schützen, ein solches Europa gerät nicht erst jetzt in die Krise. Es bleibt zu hoffen, dass auch Brutus in irgendeiner Form wiederbelebt wurde.

Staatsraison

Vor vielleicht vier Monaten fiel auf einer Verkehrsinsel, an einer der größten Straßen Roms, ein Poller aus massiven Stein in den Fußgängerweg. Man hatte ihn vorher in Beton gegossen, um deutlich zu machen: „Fußgänger, dies ist dein Schlagbaum. Er steht unverückbar auf antiken Grundfesten. Jenseits dieser Grenze bist du sicher. Deine Insel. Dein Rechtsraum unangreifbar, verfassungssicher!“ Auf dem schmalen Streifen galt also keine StvO und vor allem keine ihrer vielseitigen römischen Auslegungen. Hier musste jeder laufen auf zwei Beinen, wenigstens bis zur anderen Straßenseite.

Dann im Zuge von schlechten Mischverhälnissen im Fundament und äußeren Einwirkungen (terroristische Motive sind noch immer nicht auszuschließen), legte sich nun die einst in stolzen Stein gegossene Norm, müde und brüchig vom Smog, wie ein Baum nieder und versperrte fortan seinen eigenen Anhängern, die sich noch immer weigerten, für die 30 Meter zum Supermarkt ins Auto zu steigen, den Weg.

Die von Hyundai gesponserte Verwaltung musste zumindest sichtbar reagieren. Und sie tat es geschickt. So wurde der gefallene Poller nochmals eingzäunt von rot-weißen Gitterstreben. Der Weg war damit unpassierbar und die politsche Botschaft hatte sich nur in Akzenten verändert. Man schien nun zu signalisieren. „Fußgänger, zur Gewährleistung deiner eigenen Sicherheit wird dir empfohlen, die nächste Verkehrsinsel aufzusuchen. Aber warum steigst du denn nicht einfach ins Auto? Hier ein paar Angebote von unseren Vertragspartnern.“

Die nach drei Monaten ebenfalls im Fallen begriffenen Umzäunungen werden nun abermals umzäunt. Am Ende wird die Insel zum Wohle der Allgemeinheit gespeert und es wird einen Hyundai-Shuttelservice geben, der die verbissen auf ihr Recht Beharrenden gegen eine kleine Abgabe innerhalb von 30 Minuten sicher auf die andere Straßenseite bringt. Dann muss nur noch das Ladenschlussgesetz optimiert werden und jeder kann zufrieden seinen Einkauf machen.